Am Abgrund


Heute möchte ich euch die Kurzgeschichte „Am Abgrund“ präsentieren. Obwohl sie wirklich nicht lang ist, steckt dennoch viel Arbeit in ihr. Immer wieder habe ich sie überarbeitet und kleinere Stellen ausgebessert. Meinen Dank schulde ich an dieser Stelle meinem Freund und einer guten Freundin, die sich jede Überarbeitung der Geschichte durchgelesen und mir Verbesserungsvorschläge gegeben haben.

Jetzt wünsche ich euch viel Spaß und ich würde mich freuen eure Gedanken zu der Geschichte zu hören. Was hat euch gut gefallen, was weniger  gut? Gab es unverständliche Stellen? Ich bin dankbar für jede Art von Feedback 🙂

Lieben Gruß,

John

Am Abgrund

„Ihr müsst mir helfen!“, flehte der Junge. Aus den rotverweinten Augen sprach pure Verzweiflung.

„Wir helfen dir sofort.“, gab seine Mutter ruhig zurück. „Aber du kennst die Bedingung unter der wir dir helfen.“, erinnerte sie ihn hart.

„Das werde ich nicht tun! Ich bin nicht krank! Und eine Therapie brauche ich erst recht nicht!“, schrie er sie an.

Erneut bahnten sich die Tränen ihren Weg nach oben.

„Dann können wir dir auch nicht helfen.“, erwiderte sie unbarmherzig. „Gott kann dir helfen wieder auf den richtigen Weg zu kommen.“

„Pah.“, verächtlich sah er sie an. „Ich brauche Gottes Hilfe nicht, ich brauche eure Hilfe. Aber euch scheint es überhaupt nicht zu interessieren wie es mir geht.“, seine Finger hämmerten ruhelos auf den Tisch.

„Natürlich interessiert es uns, was mit dir ist und wie es dir geht. Jeden Tag beten wir, dass du zu uns zurück kommst und dir endlich helfen lässt.“, wies sie den Vorwurf von sich. Ihre Züge blieben hart.

„Warum wollt ihr mir das unbedingt nehmen? Ihr versteht das einfach nicht. Es ist ein Teil von mir, das kann man nicht weg-therapieren.“, von Sekunde zu Sekunde wurde seine Lage aussichtsloser. Der Härte mit der seine Mutter ihn behandelte, hatte er nichts entgegen zu setzen. Sie würde nicht nachgeben.

Aber er würde es auch nicht.

Sie lagen falsch, und bevor sie das nicht eingesehen hatten, würde er auch nicht zurückkommen.

„Das ist doch Blödsinn.“, gab sie scharf zurück. „Es sind schon so viele erfolgreich geheilt worden und auch bei dir ist das kein Problem. Du musst es nur wollen. Deine Verblendung ist alles was dich daran hindert wieder ein glückliches Leben zu führen. Ich bitte dich Jan.

Komm zurück und fang eine Therapie an. Du wirst sehen, wenn du erst wieder auf den richtigen Weg bist, wirst du auch wieder richtig glücklich. Hier, schau dir wenigstens einmal diese Broschüren von der Klinik an.“, versuchte sie ihn zu überreden und drückte ihm den Flyer in die Hand, den sie schon so lange auf dem Küchentisch bereitliegen gehabt hatte.

„Ich brauche diese Klinik nicht, ich bin glücklich.“, hielt er dagegen, das Infoblatt achtlos in die Tasche seiner Jacke stopfend.

„Hör auf dich selbst zu belügen.“, forderte sie ihn auf. „Schau dich doch nur einmal an. Du bist total abgemagert, deine Kleidung ist zerschlissen und wann du das letzte Mal geduscht hast, weißt du vermutlich selber nicht mehr. Von deinen sündigen Freunden wollen wir mal gar nicht erst anfangen.“

„Ihr werdet euch wohl nie ändern.“, voller Verzweiflung und Enttäuschung schüttelte er den Kopf.

„Wir haben dich damals vor ihm gewarnt. Wir haben dir gesagt, er bringt dich vom richtigen Weg ab. Du hast damals nicht auf uns gehört, tu es wenigstens jetzt, bevor es zu spät ist.“, sagte sie, ohne auf seinen Kommentar einzugehen.

„Ihr lasst mir ja nicht einmal die Wahl. Ihr wollt nicht, dass ich glücklich bin, ihr wollt nur eure kleine glückliche Familie zurück.  Aber ich kann euch eines sagen, das wird nicht passieren!“, sagte er kalt. Die Hilflosigkeit war aus seinem Gesicht verschwunden. Sie war dem Hass gewichen. Dem Hass darüber, dass sie ihn im Stich ließen, dem Hass darüber, dass sie mit allen Mitteln versuchten ihn zu verändern.

Er erhob sich, das Glas mit Limonade stand noch immer unangerührt vor ihm auf dem Tisch.

„Wo willst du hin?“, fragte seine Mutter. Er durfte nicht gehen. Bald wäre ihr Mann da, vielleicht würde er es schaffen ihren Sohn umzustimmen. Sie musste versuchen ihn noch ein wenig hin zu halten.

„Tu nicht so, als würde es dich interessieren. Du bist doch froh, wenn ich weg bin und das Haus wieder frei von Sünde ist. Keine Angst, ihr müsst euch nie wieder Sorgen machen, dass ich euer zu Hause mit meiner Anwesenheit beschmutze.“

„Sag so etwas nicht! Jan ich bitte dich, bleib! Warte wenigstens bis dein Vater hier ist, wir können doch über alles reden!“, Angst schwang jetzt in der sonst so ruhigen, ausgeglichenen Stimme mit.

Er stand schon an der Haustür. Als er die Tür öffnete, drehte er sich noch einmal um:

„Es gibt nichts mehr zu reden, ihr habt euren Sohn das letzte Mal weggeschickt.“ Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich.

Sie wollte ihm nachlaufen und ihn aufhalten, aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte. In  seiner Verblendung würde er nie auf sie hören. Sie setzte sich auf das Sofa und ließ ihren Gefühlen freien Lauf.

Nervös ging er die Straße hinunter. Er wusste keinen Ausweg mehr. Seine Eltern waren seine letzte Hoffnung gewesen. Er hatte geglaubt sie hätten nach so langer Zeit ihre Einstellung geändert. Doch anscheinend würden sie sich nie ändern. Ihr fanatischer Glaube an Gott machte sie blind für seine Probleme. Sie reduzierten ihn nur auf seine „Krankheit“. Das war alles was sie sahen, die „Krankheit“, die Sünde, aber nicht seine wahren Probleme. Er hatte nichts mehr. Kein Geld, kein zu Hause, keine Familie. Auch sein Freund konnte ihm jetzt nicht helfen. Er konnte ihm nichts mehr geben, nicht einmal mehr diese Ablenkung, die er ihm früher immer beschert hatte.

Es gab für ihn keinen Ort mehr auf dieser Welt. Was sollte er auch tun? Ohne Geld? Alle Gefallen bei Freunden waren eingelöst, ihre Barmherzigkeit ausgeschöpft. Seine Familie hatte ihn verstoßen, ihre Hilfe würde er nur durch den Verrat an sich selbst bekommen. Auch wenn ihm nach den diversen Diebstählen und der Bettelei um Geld und Essen nicht mehr viel Würde geblieben war, das ging einen Schritt zu weit.

Die Stadtbahn in die er sich eben eingeschlichen hatte, passierte die Kirche, zu der seine Eltern immer gingen und zu der sie ihn damals immer mitgenommen hatten.

Er beobachtete wie der Pastor gerade eine alte Frau hinausbegleitete. Dieser Mann war an allem schuld, da war er sicher. Er war der Grund dafür, dass seine Eltern so frenetische Gläubige geworden waren, dass sie sogar ihren Sohn verstießen.

Als ob Gott ihm helfen könnte, als ob er  ihm diese Gefühle nehmen konnte.

Aber was machte das schon für einen Unterschied?

Er blieb noch drei Stationen in der Stadtbahn, dann hatte er sein Ziel erreicht. Vor ihm türmte sich ein Bürogebäude auf. Es war das höchste der Stadt.

Er ging hinein und eilte zum Treppenhaus, ehe ihn jemand aufhalten konnte. Er schaute zwischen den Treppen in die Höhe, es war ein weiter Weg bis nach ganz oben, doch immerhin würde es hinunter weitaus schneller gehen. Ein komisches Gefühl beschlich ihn, als er die Treppen hinauf stieg. Er wusste genau, was er drauf und dran war zu tun, doch er empfand keine Angst. Ein wenig freute er sich auf das Bevorstehende, die Erlösung. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er das Ende der Treppe erreichte. Er stieß die Tür auf, die auf das Dach führte und ging mit langsamen Schritten auf den Sims zu. Je näher er dem Sims kam, desto besser fühlte er sich. Es war fast als würden die Sorgen die auf ihm lasteten mit jedem Schritt weniger. Er dachte darüber nach, dass sein Leben in wenigen Augenblicken vorbei sein würde, doch er empfand keine Trauer mehr, keine Wut, er fühlte schlicht gar nichts mehr, nur noch Erleichterung. Seine Augen richteten sich auf den Horizont, an dem die Sonne mit einem roten Schimmer langsam verschwand, es war ein sehr schöner Anblick. Er schwang sich auf den Sims und blickte nach unten in die Häuserschlucht. Die vielen Menschen, die von dort oben aussahen wie Ameisen, ließen ihn daran denken, wie unbedeutend sie doch alle waren. Was machte ein einzelnes Leben schon aus, bei dieser Anzahl?

Er zog den Flyer aus der Tasche, den seine Mutter ihm gegeben hatte. „Klinik für Drogen- und Suchttherapie“, stand in geschnörkelter Schrift über dem Bild eines Gebäudes geschrieben. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er darüber nach, ob seine Mutter nicht vielleicht doch recht haben konnte.

Dann ließ er den Flyer in die Häuserschlucht hinabgleiten…

Der Gang zur Tür schien mit jedem Schritt länger zu werden. Ihre Knie wackelten bedrohlich und sie waren kurz davor ihr nicht mehr genügend Halt zu bieten. Dicht gefolgt von ihrem Mann ging sie zur Haustür. Die Sorge um ihren Sohn hatte sich schon über den ganzen Abend gesteigert und langte nun an ihrem Höhepunkt an. Seit er aus der Tür gegangen war, hatte sie dieses komische Gefühl verfolgt. Er war schon oft bei ihnen aufgetaucht und nach einer Konversation wie der heutigen einfach wieder verschwunden, aber irgendwas war heute anders. Sie konnte nicht sagen, was es war, doch es beunruhigte sie. Die Angst ihren Sohn heute zum letzten Mal gesehen zu haben, lähmte sie. Auch ihrem Mann stand dieser besorgte, unwissende Ausdruck ins Gesicht geschrieben. Sie hatte ihm alles von der Begegnung am Nachmittag erzählt und sie waren sich einig gewesen, dass sie alles richtig gemacht hatten. Sie holte noch einmal tief Luft, bevor sie die Tür öffnete. Dabei fiel ihr Blick auf das Bild, welches neben der Tür hing. Es zeigte ihren Sohn, zusammen mit seinem Exfreund, Daniel, beide lachten auf dem Bild. Damals war noch alles in Ordnung gewesen. Wie ferngesteuert öffnete sie die Tür. Ihr Geist hatte sich bereits in der Sorge um ihren Sohn verloren. Nur noch schemenhaft erkannte sie wer vor ihr stand, dann brach sie schluchzend zusammen…

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