Die Säufzerbrücke


Neben dem Studium habe ich mir mal wieder die Zeit genommen, eine kleine Kurzgeschichte zu verfassen, die ich an dieser Stelle mit euch teilen möchte. Lasst mich wissen, was ihr von ihr haltet oder was euch gestört hat 🙂

Lieben Gruß und viel Spaß beim Lesen,

John

Die Säufzerbrücke

„Tu es nicht!“, bat Cassandra. Der Junge, der  auf dem Geländer der Säufzerbrücke stand, zuckte merklich zusammen. Beinahe glaubte sie, dass ihre Bitte genau das erledigt, was der Junge drauf und dran war zu tun. Als er seine Balance wieder gefunden hatte, drehte er sich zu ihr um.

„Warum nicht?“, fragte er. „Es würde doch niemanden stören, niemand würde fragen warum und wieso, alle würden es einfach so hinnehmen.“, er sagte das völlig ruhig, ohne Trauer oder Vorwurf in der Stimme.

„Mich würde es stören.“, antwortete sie. Sie blieb wo sie war. Sie wollte nicht, dass er sich von ihr bedrängt fühlte.

„Achja? Du kennst doch nicht einmal meinen Namen, warum sollte es dich also interessieren ob ich lebe oder nicht?“

„Stimmt, ich kenne dich nicht, ich weiß nichts von dir und ob du lebst oder nicht, beeinflusst mein Leben wohl nicht, es sei denn, du springst von dieser Brücke.“

Diese Antwort schien den Jungen zu überraschen. Er hatte mit Predigten gerechnet wie: „Du machst einen Fehler!“, „Das Leben ist doch so schön.“, oder „Du bist doch noch so jung, du hast dein Leben noch vor dir.“ Ihre Antwort jedoch hatte sein Interesse geweckt und er wollte hören was sie zu sagen hatte.

„Ich komme immer hierher, wenn ich Nachdenken muss, oder einfach mal meine Ruhe haben möchte. Hier ist es immer ruhig, kaum eine Menschenseele lässt sich hier blicken, sodass man stundenlang ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Wenn du allerdings jetzt dort runterspringst, müsste ich immer daran denken wenn ich hier her komme und mein schöner Rückzugsort wäre zerstört.“, erklärte sie, trotz der Bedeutung ihrer Worte machte sie ihm keinen Vorwurf, es klang eher nach einer Feststellung.

Er hätte mit vielem gerechnet, doch nicht mit einer Erklärung, die egoistischer nicht sein konnte. Es interessierte sie nicht, ob er lebte oder nicht, es war ihr nur wichtig, dass sie ihren wunderbaren Ort nicht verlor. Er war ihr nicht böse deswegen, im Gegenteil, ihre Antwort machte sie ihm sympathisch. Dennoch meldete sich sein Gewissen und er  setzte sich auf das Geländer, ihr zugewandt.

„Geht doch.“, sagte sie und kam näher. Jetzt wo er nicht mehr im Begriff war hinunter zu springen, traute sie sich auch näher an ihn ran. Sie stellte ihre Schultasche auf den Boden und setzte sich neben ihn.

„Entschuldige, ich wollte dir deinen Ort nicht ruinieren.“, sagte er.

„Das will ich auch für dich hoffen, das hätte ich dir nämlich sehr übel genommen.“, sagte sie mit einem frechen Lächeln. „Also, ich bin Cassandra!“, stellte sie sich vor.

„Herbert.“, sagte er nur knapp und etwas verschämt.

„Mein Opa hieß Herbert, den habe ich immer sehr gemocht.“, sagte sie ohne ihn auch nur schräg anzugucken für den veralteten Namen. Sie war die erste die so reagierte.

„Mein Opa hieß genauso und das hat mir auch diesen Namen beschert.“

„Dann muss er deinen Eltern viel bedeutet haben, wenn sie ihren Sohn so genannt haben. Du solltest  versuchen sein Andenken gut zu bewahren.“

„Ich habe ihn nicht kennen gelernt, er starb wenige Tage vor meiner Geburt.“, erklärte er.

„Das habe ich mir schon gedacht, aber es ändert nichts daran, wie ich die Worte gemeint habe.“

„Wie kommt es, dass du so reagiert hast? Die meisten hätten versucht mir irgendwie weiß zu machen, dass es ein Fehler wäre hier runterzuspringen, aber du interessierst dich nur für deine eigenen Belange.“

„Nun ich bin der Meinung, dass eine gehörige Portion Egoismus und Selbstbewusstsein noch niemandem geschadet hat.“, sagte sie mit einem Schulterzucken. „Außerdem hat es doch etwas gebracht oder nicht? Du sitzt hier schließlich noch und bist nicht gesprungen. Was hätte es denn gebracht, wenn ich dich angebettelt hätte? Oder wenn ich dir erzählt hätte, dass alles wieder gut wird? Ich kenne deine Situation nicht, ich kann nicht bewerten ob dein Leben nicht doch so schlimm ist, dass es vielleicht das Beste wäre einfach einen Schlussstrich zu ziehen. Ich habe auch schon dort gestanden wo du eben gestanden hast.“

Ihre Worte überraschten ihn mehr und mehr. Sie waren vollkommen anders, als alles womit er gerechnet hatte.

„Warum wolltest du es tun?“, fragte er.

„Spielt das eine Rolle? Ich bin hier, dass ist in meinen Augen alles was zählt. Dass ich es tuen wollte mit allem was damit zusammenhängt ist doch irrelevant. Ich halte nicht viel davon, über die Vergangenheit nachzudenken. Ich bin hier und es geht mir gut, warum soll ich mir also darüber Gedanken machen? Ich weiß nicht, warum du es tun willst, aber es zählt für mich auch nicht. Für mich zählt, was ich vor mir sehe, ein selbstbewusster, netter Junge, der weit aus reifer scheint, als andere in seinem Alter. Ich kann also keinen Grund erkennen, warum du auf diesem Geländer stehen solltest, geschweige denn, warum du über so etwas überhaupt nachdenken solltest. Aber ich kenne dich und deine Situation nicht gut genug um ein vernünftiges Urteil darüber zu fällen.  Es mag sein, dass dein sonstiges Leben mehr als genug Gründe dafür liefert, allerdings gibt dein Auftreten auch mehr als genug Gründe, die das hinfällig machen. Ich kann mir gut vorstellen, dass du ein richtiger Mädchenschwarm bist, das sind doch alles Eigenschaften auf die sich aufbauen lässt.“

„Wenn es nur so einfach wäre.“, sagte er, es klang verbittert.

„Ob es so einfach ist oder nicht, hängt allein von dir ab. Du allein hast die Möglichkeit diese Eigenschaften zu nutzen und etwas daraus zu machen. Niemand kann dir das wegnehmen was du hast und das ist entscheidend, alles andere liegt bei dir.“

„Vielleicht hast du Recht.“, sagte er und verschwand für einen Moment in seinen Gedanken.

„Ich denke du solltest langsam nach Hause gehen, ansonsten macht sich noch jemand Sorgen um dich.“, sagte sie nach einer Pause.

„Wäre vielleicht besser.“, stimmte er zu und nahm seine Tasche.

„Es hat mich gefreut dich kennenzulernen. Solange ich dich nicht wieder auf dem Geländer stehend vorfinde, darfst du dich hier gerne öfters blicken lassen.“, lud sie in ein und drückte ihn fest an sich.

„Mal sehen, vielleicht werde ich noch einmal vorbei schauen.“, mit diesen Worte drehte er sich um und ging.

Cassandra schaute ihm hinterher, bis er im Wald verschwunden war. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war zuversichtlich, dass sie den Kleinen wiedersehen würde.

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2 Antworten zu Die Säufzerbrücke

  1. angeloconcuore schreibt:

    Was für ein kluges Mädchen, sie hat in dieser Situation genau das Richtige getan.
    Eine sehr schöne und lehrreiche Kurzgeschichte. Danke dafür!

    • John Moccasin schreibt:

      Hallo angeloconcuore, zuerst einmal freut es mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.
      Ich wollte keine für das Thema, sagen wir „typische“ Geschichte schreiben, sondern eine eher aussergewöhnliche Reaktion darstellen, ich glaube, das ist mir sogar gelungen 🙂

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