Italien, vierter Teil


Ohne groß drum herum zu reden, der vierte Teil aus meinem Nebenprojekt „Italien“, viel Spaß beim Lesen,

lieben Gruß

John

Am nächsten Morgen erzählten mir meine Eltern, dass sie vor hatten nach Venedig zu fahren und sich ein bisschen die Stadt anzugucken. Das Wetter hatte sich im Vergleich zum Vortag wesentlich verbessert, die Sonne schien und auch die Temperaturen waren angenehm.
„Kommen Eddy und seine Familie auch mit?“ fragte ich beim Frühstücken.
„Nein, seine Mutter sagte, dass sie dort schon so oft waren, dass sie nichts daran reizt, noch einmal hin zu fahren.“
„Mhh ok. Wann wollen wir los?“ Da Eddy sich immer noch nicht gemeldet hatte und ich nicht davon ausging, ihn heute zu sehen, hatte ich beschlossen mitzufahren. Es war allemal besser sich Venedig anzugucken, als den ganzen Tag alleine im Wohnwaggon zu hocken.
Überrascht schaute mich meine Mutter an:
„Du möchtest mit? Ich war davon ausgegangen, dass du wieder mit Eddy unterwegs bist heute.“
„Nee, heute eher nicht.“ Ich wollte ihr jetzt nicht auf die Nase binden, dass wir uns gezofft hatten. Vorallem nicht, weil ich Schuld daran gewesen war.
„Ok… wir hatten überlegt so gegen 11 Uhr hier weg zu fahren. Wie war es denn eigentlich in der Disco gestern? Du warst ja schon zu Hause, als wir kamen.“
„Ja, wir sind gar nicht mehr gegangen, hatten irgendwie keine Lust mehr.“
„Komisch, dabei klangt ihr Nachmittags noch ganz begeistert. Gab es irgendwelche Probleme?“
Mein Mutter schien zu wittern, dass da mehr im Busch war. Ich musste also überzeugend arbeiten.
„Ne, ne. Alles Ok, wir waren nur irgendwie kaputt. Lag wahrscheinlich daran, dass wir den ganzen Tag für euch Dolmetscher spielen mussten.“ Ich glaubte nicht, dass das sehr überzeugend war, aber meine Mutter ließ dennoch von mir ab.
Wie besprochen machten wir uns um 11 Uhr auf den Weg. Zuerst ging es mit dem Auto zu einem Ort an der Küste, ehe wir dann in einer Fähre nach Venedig übersetzten. Während meine Eltern voller Begeisterung, mit einem Stadtplan bewaffnet, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten  stürmten, trottete ich mehr oder weniger lustlos hinterher. Meine Kopfhörer erlaubten es mir, völlig  in meinen Gedanken zu versinken, ohne die Welt um mich herum wirklich wahr zu nehmen. Noch immer überlegte ich fieberhaft, wie ich die Sache mit Eddy wieder gerade biegen konnte. Vorrausgesetzt, er gab mir überhaupt eine Chance dazu.
Nur sehr schleppend verging der Tag. Ich war froh, als ich meine Eltern, nach dem Markusplatz, der  Seufzerbrücke, dem Dogenpalast und dem Campanile, endlich dazu überreden konnte, irgendwo  in Ruhe Mittagessen zu gehen.
Dankbar ließ ich mich in einen Gartenstuhl nieder, als wir um 20 Uhr endlich wieder zurück waren. Ich hatte das Gefühl jetzt über jede Sehenswürdigkeit in Venedig Bescheid zu wissen. Wir hatten wirklich alles gesehen und natürlich zu jeder Kleinigkeit die Touristenführung mitgemacht. Mehr denn je war mir nun klar, dass ich das mit Eddy wieder hinbiegen musste, denn noch so einen Tag mit meinen Eltern würde ich mit Sicherheit nicht überleben.
Allerdings  war das schwieriger als gedacht, denn selbst jetzt war der Waggon von ihm und seinen Eltern verlassen. Das Auto war ebenfalls weg. „Haben seine Eltern gesagt, was sie Heute machen wollen?“  fragte ich meine Mutter. Ich hatte einen Verdacht, wo ich Eddy finden könnte.
„Ich glaube die wollten nur zum Strand, warum fragst du?“
„Nur so. Ich nehme mal gerade das Auto, komme aber bald wieder.“  Ohne weitere Erklärung stieg ich ins Auto und fuhr los. Mir fiel nur ein Ort ein, wo Eddy sein konnte, aber ich wollte die Chance nutzen. Vielleicht hatte ich ja Glück. Erfreut stellte ich fest, dass mein Verdacht richtig war. Ich erkannte das Auto sofort, es stand genau an der gleichen Stelle, als wir es vorgestern abgestellt hatten, als Eddy mir die abgelegene Bucht gezeigt hatte. Ich parkte mein Auto direkt hinter Eddys und stieg aus. Er schien noch immer am Strand zu sein, obwohl es inzwischen schon ziemlich kühl war. Erst jetzt bemerkte ich meinen Fehler. Ich hatte kein Surfbrett, mit dem ich den Ast runterdrücken konnte. Also blieben mir nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich wartete hier, bis er zurück kam, oder ich versuchte, so durch die Hecke zu kommen. Ich entschied mich für letzteres, das Warten hatte ich gründlich satt. Nach einigem Suchen fand ich schließlich den Ast, vorsichtig drückte ich ihn hinunter und schob mich Zentimeter für Zentimeter durch die Hecke. Allerdings war diese Methode weitaus schmerzhafter, als gedacht. Dauernd blieb ich an den Dornen hängen. Nachdem ich es endlich auf die andere Seite geschafft hatte, besah ich meine Arme. Ich hatte zahlreiche kleine Schnittwunden, aber das war mir dann auch egal. Oben auf der Düne blieb ich stehen und schaute hinunter zum Strand. Dort saß Eddy, neben sich das Surfbrett, der Wind wehte durch seine Haare und spielte mit seinem T-Shirt.  Er schien das Meer zu beobachten und in Gedanken versunken zu sein, da er sich nicht rührte, als ich näher kam. Wortlos setzte ich mich neben ihn, in den noch immer warmen Sand.
„Wann immer ich nachdenken muss, komme ich hier her. Hier ist es immer friedlich und still, keine Menschen, nur das Meer und der Wind.“ Er sah mich nicht an, als er das sagte, sein Blick war nach wie vor auf das Wasser gerichtet. „Ich wünschte ich hätte so einen Ort auch zu Hause. Früher bin ich dort immer an einen kleinen See gegangen, da war es ebenfalls schön ruhig, aber in letzter Zeit will ich da nicht mehr hin.“ Erst jetzt guckte er mich an. „Es tut mir Leid, dass ich gestern so überreagiert habe, das war nicht nötig. Ich möchte nur einfach nicht über das Thema sprechen, zumindest vorerst. Vielleicht sage ich es dir im Laufe der nächsten Tage, aber momentan geht es dich einfach nichts an, Ok?“
Ich nickte und stimmte ihm zu. „Ich muss mich bei dir Entschuldigen, du hattest vollkommen recht, es stand mir nicht zu, weiter nachzufragen. Von jetzt an, werde ich nicht mehr fragen, du entscheidest, wann und ob du mit mir darüber reden möchtest.“
Mit einem Handschlag besiegelten wir das Thema, das Buch hatte ich schon wieder vollkommen vergessen.
„Was ist mit deinen Armen passiert?“ fragte er besorgt, als er die Schnittwunden sah.
„Ach, ich hatte ja kein Brett, um den Ast runter zu drücken, darum blieb mir nichts anderes übrig, als mich so durch die Hecke zu kämpfen.“
„Autsch, ich weiß wie das ist, ich habe den Weg durch die Hecke auch auf eine sehr unorthodoxe Art und Weise gefunden. Wie hast du den Tag verbracht?“
„Frag nicht.“ Winkte ich ab. „ Ich bin den ganzen Tag mit meinen Eltern durch Venedig gelaufen. Ich nehme an, du warst den ganzen Tag hier?“
„Ja, ich bin heute Morgen gleich hier raus gefahren und hab den ganzen Tag eigentlich nichts anderes gemacht als zu surfen oder hier zu sitzen und das Wasser zu beobachten. Was hältst du davon, wenn wir diesen Kulturschock in der Disco beheben?“
„Klingt gut, aber hat die heute überhaupt auf?“ fragte ich skeptisch.
„Ja, die hat während der Urlaubssaison jeden Abend auf. Na dann lass uns mal fahren. Ich muss noch duschen und eine Kleinigkeit essen.“ Er nahm sich das Surfbrett und machte sich auf den Weg zurück zum Auto. Froh, dass endlich alles wieder beim Alten war, folgte ich ihm.

„Hast du das Geld noch, das ich dir gestern gegeben habe?“ fragte mein Vater, als wir im Auto saßen. Er hatte sich bereit erklärt uns zur Disco zu fahren.
„Ja, habe ich noch. Willst du das, was wir nicht brauchen, nachher wiederhaben?“ fragte ich in der Hoffnung, dass er verneinen würde.
„Nein, gebt es ruhig aus.“ sagte mein Vater, mit einem freundlichen Lächeln.
Die Fahrt zu der Disco verlief fast reibungslos, allerdings verfuhren wir uns ein paar Mal, weil Eddy den Weg nicht mehr ganz genau wusste.
Um halb zwölf stiegen wir dann vor der Disco aus dem Auto, Eddy in einer kurzen Hose und einem  schwarzem Hemd, welches deutlich seinen muskulösen Oberkörper betonte. Ein seltsames Verlangen durchzog mich, als ich ihn so sah. Er hatte so eine anziehende Ausstrahlung, die ich vorher bei ihm noch nicht bemerkt hatte. Er wird wohl einiges aufreißen heute. Aber eigentlich wollte ich gar nicht, dass er sich irgendetwas aufriss. Mit einem Mal war ich nicht mehr so glücklich darüber, dass wir in eine Disco gingen. Was wenn er jemanden kennenlernte, mit dem er die restliche Zeit lieber verbringen will? Ich bemühte mich diese aufkeimende Eifersucht zu unterdrücken. Was sollte das denn? Sollte ich mich nicht eigentlich für ihn freuen, wenn er irgend ein hübsches Mädchen fand? Klar, sagte mein Verstand, aber mein Gefühl sagte mir etwas ganz anderes. Ich versuchte diese seltsamen Gedanken an die Seite zu scheuchen und über etwas anderes nachzudenken.
„Lass uns reingehen, ich kann es kaum erwarten, ein kühles Bier zu trinken.“  Ich drängte auf den Eingang zu, meine Hoffnung bestand darin, diese Gedanken mit Alkohol wegspülen zu können.
Die Disco war nicht all zu groß und bestand hauptsächlich aus einem Raum. In der Mitte des Raumes befand sich eine Tanzfläche, auf der sich schon einige hundert Jugendliche tummelten und zu den lauten Tönen aktueller Charthits tanzten. An einer Wand befand sich die Theke, 15 Mitarbeiter standen in dem langen Schlauch und bedienten die Gäste. An der Gegenüberliegenden Wand, welche links vom Eingang war, gab es eine kleine Empore, auf der zahlreiche Leder-sessel und -sofas standen. Rechts vom Eingang war das DJ-Pult, wo ein junger, braun-gebrannter, Mann auflegte. „Sieht doch ganz nett aus ,oder?“ Eddy brüllte mir beinahe ins Ohr, es war schwer, gegen die laute Musik anzukommen.
„Ja, wirklich gut, so schön sind die Discos, die ich gewohnt bin, nicht.“ antwortete ich, nicht weniger laut. Wir kämpften uns durch die Menge zur Theke und bestellten uns Bier.
Schon nach dem zweiten Bier mischten wir uns unter die Menge der tanzenden Jugendlichen, die laute Musik und die ausgelassene Atmosphäre übten große Anziehungskraft auf uns aus. Bunte Lichter blitzten, Nebelmaschinen machten aus der Menge einen wabernden Dunst, selbst die Bierduschen die sich von Zeit zu Zeit über uns ergossen, fühlten sich angenehm an.  Ich wusste nicht wie lange wir schon am Tanzen waren, aber irgendwann gingen wir zurück zur Theke, Schweiß stand uns auf der Stirn, es wurde nicht kühler in der Disco.
„Zwei Bier und zwei Jägermeister bitte!“ rief ich einem der Barkeeper zu. Ich wunderte mich nicht einmal mehr darüber, dass er mich ohne Probleme verstand, es kam mir einfach so vor, als wären wir in einer Deutschen Provinz und nicht im Ausland.
„Jetzt willst du es aber wissen.“ sagte Eddy und deutete auf den Jägermeister.
„Prost!“ Ich nickte ihm zu und wir kippten die dunkle Flüssigkeit runter.
Natürlich reichte ein Schnaps nicht und so bestellten wir einen nach dem nächsten, bis wir schließlich beide ziemlich gut dabei waren. Allerdings stieg mit dem Alkoholpegel auch immer weiter mein Verlangen nach ihm. Noch immer war das für mich vollkommen verwirrend. Ich konnte  nicht schwul sein! Schließlich hatte ich noch bis vor kurzem eine Freundin gehabt, mit der ich 6 Monate glücklich zusammen gewesen war! Ich versuchte mich mit diesen Gedanken zu beruhigen, aber das rätselhafte Verlangen wollte nicht verschwinden. Nach einer weiteren Tanzeinlage kehrten wir wieder an die Theke zurück.
„Was hältst du davon, wenn wir dort hinüber zu den Sitzplätzen gehen?“ fragte Eddy mich und lenkte meinen Blick auf die Gegenüberliegende Seite, wo die Ledergarnituren standen.
„Ja, ein Moment Pause wäre klasse.“ Mit unserem Bier bewaffnet gingen wir zu der Empore und suchten uns eine freie Ecke. Nur noch eine Ecke war frei, wir ließen uns in dem Sofa nieder und stellten unser Bier auf dem kleinen Tisch ab, der davor stand. Gegenüber von uns war noch ein weiteres freies Sofa, welches in diesem Moment von zwei gutaussehenden Mädchen angesteuert wurde.
„Guck mal was da kommt.“ Sagte Eddy und deutete unauffällig auf die Mädchen. Mit einem Lächeln, dass wohl in der Lage war Männerherzen schmelzen zu lassen, lächelte uns die eine an und fragte: „Ist hier noch frei?“ Die beiden Mädchen bildeten zwei Gegensätze, während die eine sehr selbstbewusst wirkte und anscheinend genau um ihr Wirken auf Männer wusste, wirkte die andere schüchtern und zurückhaltend, obwohl sie keineswegs weniger hübsch als ihre Begleiterin war.
„Aber natürlich, für zwei so hübsche Mädchen sowieso.“ hörte ich Eddy antworten. Einen Moment war ich perplex, ich hatte nicht damit gerechnet, so etwas aus seinem Mund zu hören.
„Vielen Dank für das Kompliment. Ich heiße Maike und meine etwas schüchterne Begleitung heißt Lea.“ Sie warf Eddy einen interessierten Blick zu, als sie sich in das Sofa niederließen.
„Ich bin Eddy.“
„Ich heiße Ben, schön eure Bekanntschaft zu machen.“ Vielleicht war es ganz gut mit einem Mädchen zu tun zu haben, beschloss ich für mich. Seit meine Freundin vor einigen Wochen mit mir Schluss gemacht hatte, hatte ich mich noch nicht wieder für ein Mädchen interessiert. Da kam mir die Idee. Was wenn dieses Verlangen nach Eddy nur daher kam? Ich war einsam, meine Freundin hatte mich verlassen, keiner meiner Freunde war hier und er war die einzige gleichaltrige Person, die in der Nähe war. Triumphierend lächelte ich, ich war mir jetzt sicher den Grund für das komische Gefühl gefunden zu haben, dummerweise ging es dadurch nicht weg. Ich war entschlossen, das Gefühl zu ignorieren und mir selber zu beweisen, dass ich noch immer auf Mädchen stand.
„Wie lange seit ihr schon hier?“ fragte ich, meine Augen auf Lea gerichtet, die Verteilung der Interessen war vom ersten Moment an klar gewesen.
„Eine Woche, wohnt ihr auch auf dem Campingplatz in San Silanes?“ immerhin, sie antwortet.
„Nee, wir wohnen in Cavallino. Gefällt es euch hier bisher?“ so starteten wir das Gespräch, auch Eddy und Maike waren in ein Gespräch vertieft, allerdings schienen sie viel intensiver miteinander zu flirten, als Lea und ich das taten. Eine neue Eifersucht überkam mich, aber richtete sie sich gegen Eddys Fähigkeiten im Umgang mit dem Mädchen oder gegen Maike?
Auf einmal schreckte Eddy hoch: „Wie unhöflich von uns, ihr habt ja noch gar nichts zu Trinken. Was darf ich euch denn bringen?“
„Für mich einen Sex on the beach bitte“ antwortete Maike, die Doppeldeutigkeit in ihrer Stimme war unüberhörbar. Ich verdrehte die Augen, das fand selbst ich zu peinlich.
„Ich nehme einen einen Caipirinha“ sagte Lea, ich war dankbar, dass sie auf so eine Peinlichkeit verzichtete.
Als nächstes schaute Eddy mich an, aber ich winkte nur ab und stand auf.
„Ich helfe dir, mit vier Cocktails wird es etwas schwierig oder?“ In Wirklichkeit wollte ich einfach einen Moment  meine Ruhe. Wir kämpften uns hinüber zur Theke, es war noch immer ziemlich voll, ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon 3 Uhr war.
„Wie läuft es mit Lea?“ fragte er mich.
„Ganz gut, sie ist nur sehr schüchtern. Und mit Maike?“ In Wirklichkeit hatte ich überhaupt kein Interesse an Lea und insgeheim verfluchte ich das Auftauchen der beiden Mädchen inzwischen.
„Naja, sie ist ziemlich aufdringlich.“ überrascht schaute ich ihn an, für mich hatte es eher so gewirkt, als würde ihm das gefallen. „Ach, sie macht dauernd so anzügliche Bemerkungen, das nervt etwas, aber ansonsten ist sie ganz Ok. Hier“ er schob mir einen Schnaps hin, den er anscheinend mitbestellt hatte. Ich nickte ihm zu und gleichzeitig tranken wir.
„Wenn ich so weiter trinke, kannst du mich hier nachher raustragen. Ich hab eigentlich jetzt schon viel zu viel.“ sagte er noch mit einem Lächeln, als wir wieder zurück gingen.
Zurück bei der Couchecke erwartete Maike uns mit der nächsten Überraschung. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt, auf dem eben noch Eddy und ich saßen, es war klar, dass ich mich jetzt zu Lea setzen sollte. Widerstrebend tat ich das. In der Folge unterhielten Lea und ich uns weiter über Belanglosigkeiten. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Maike sich immer intensiver an Eddy ran machte, nach nicht all zu langer Zeit lag ihre Hand auf seinem Oberschenkel. Überrascht stellte ich fest, dass Eddy nicht sehr glücklich mit der Situation zu seien schien. Immer wieder zog er an seinem Cocktail, als benötige er den Alkohol, um mit ihren Annäherungsversuchen zurecht zu kommen. „Entschuldige mich mal kurz.“ bat ich Lea und machte mich auf den Weg in die Richtung, wo ich die Toiletten vermutete. Ich sah ein Toilettenschild, welches über einem dunklen Gang hing. Ich folgte dem Gang, bis er schließlich vor einer Tür endete. Zu meiner Rechten und meiner Linken  befanden sich ebenfalls Türen. Auf der Tür zu meiner Rechten befand sich das Schild für die Damentoilette, ohne noch einmal nachzuschauen, ging ich durch die Tür, die direkt vor mir war. Verwundert schaute ich mich um, als ich mich plötzlich draußen befand. Bei der Tür schien es sich um einen Notausgang zu handeln, jedenfalls führte  sie in eine Art Hinterhof, der vollgepackt mit Kartons war. Mit einem Achselzucken drehte ich mich um und nahm diesmal die Tür, die zur Herrentoilette führte.
Einige Minuten später ging ich dann zurück, zu Eddy und den beiden Mädchen. Insgeheim hoffte ich, dass der Abend bald ein Ende nehmen würde. Die Art und Weise, wie Maike Eddy anfasste, passte mir gar nicht. Eigentlich sollte ich mich für ihn freuen. Nur konnte ich das nicht, ich war eifersüchtig, soviel gestand ich mir mittlerweile ein. Als ich die Treppe zur Empore hoch ging, erstarrte ich plötzlich. Ich konnte genau auf unsere Sitzecke  sehen, aber was ich sah schockte mich regelrecht. Maike saß auf Eddy und die beiden küssten sich innig. Wut und Enttäuschung stiegen in mir hoch. Ich machte auf dem Absatz kehrt, ich brauchte sofort frische Luft. Meine Gedanken drehten sich, als ich auf dem Weg zu dem Hinterhof war. Ihn so zu sehen machte mich vollkommen fertig. Endlich  draußen angekommen, entfuhr mir ein lauter Wutschrei. Als ich Eddy und Maike gesehen hatte, war mir etwas klar geworden, was ich nicht für möglich gehalten hatte.
Ich war in ihn verliebt.
Je mehr ich daran dachte, desto mehr Wut überkam mich. Blindlings schlug ich in einen der Kartons, die hier rumstanden. Glas klirrte und ein weiterer Schrei entfuhr meiner Kehle. Diesmal war es ein schmerzensschrei.
Vorsichtig zog ich die Hand aus dem Karton, sie war blutüberströmt. Zahlreiche Glassplitter steckten in der Haut.

„Gute Nacht. Wenn du irgendetwas brauchst, ruf einfach.“, sagte meine Mutter. Mit einem aufmunternden Lächeln ließ sie mich in meinem Zimmer allein. Stöhnend sank ich auf mein Bett, in Gedanken durchlief ich noch einmal den Abend.
Eigentlich hatte alles so gut angefangen, doch mit dem Auftauchen der beiden Mädels war schließlich alles vorbei gewesen. Die Erkenntnis mich in Eddy verliebt zu haben, bereitete mir noch mehr Sorgen, als die blutende Hand, mit welcher ich nur ein paar Minuten nach dem Wutausbruch ins Krankenhaus gebracht worden war. Selbst als ich mit meinen völlig überbesorgten Eltern im Wartezimmer der Notaufnahme saß, die notdürftig verbundene Hand in die Höhe gereckt, konnte ich nur an ihn denken. Nur ihre andauernden Fragen, wie denn das passiert sei, rissen mich immer wieder aus meinen Gedanken. Trotz meiner Beteuerungen, dass ich einfach nur in diese Kartons gefallen sei, welche, nebenbei bemerkt, nicht einmal für mich selbst glaubhaft klangen, ließen sie nicht locker und vermuteten die wildesten Schlägereien als Grund für meine Verletzung. Als ich nach ungefähr zwei Stunden endlich dran kam, gab es endlich mal eine gute Nachricht. Nachdem mir der Arzt sämtliche Scherben aus der Hand gezogen hatte, meinte er, dass ich noch einmal Glück gehabt hätte und er nicht einmal nähen müsse. Er entließ mich mit der Aussicht, dass die Wunden schon in wenigen Tagen wieder soweit zugeheilt seien, dass ich wieder ins Wasser könne. Doch ich war mir nicht einmal sicher, ob ich das noch wollte. Am liebsten wäre ich auf der Stelle nach Hause gefahren, hätte versucht diesen ganzen Urlaub zu vergessen und vor allem meine Gefühle für Eddy wieder abzuschütteln, bevor sie noch schlimmere Ausmaße an nahmen.
Natürlich ging das nicht. Meine Eltern würden niemals wegen dieser kleinen Verletzung den Urlaub abbrechen und ich wäre nicht in der Lage, ihnen den wahren Grund zu sagen.
Darum saß ich nun hier auf meinem Bett und versuchte endgültig mit diesem verkorksten Tag abzuschließen, denn wie sagt man so schön: „Morgen früh sieht die Welt schon ganz anders aus.“
Diese leere Versprechung die man kleinen Kindern immer gab, war mein einziger Lichtblick die restlichen Tage des Urlaubs noch zu überstehen. Mit dieser schwachen Hoffnung schlief ich schließlich ein.

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3 Antworten zu Italien, vierter Teil

  1. angeloconcuore schreibt:

    Hey John,
    das ist ein schöner vierter Teil, den ich jetzt endlich einmal in Ruhe lesen konnte. Schade, dass nicht mehr Leute den Weg hierher finden und einen kleinen Kommentar hinterlassen.
    Wie immer hast du sehr lebendig geschrieben, dass ich das Gefühl hatte mitten im Geschehen dabei zu sein. Aber du erzählst ja nicht nur, sondern lässt auch viele Dialoge einfließen.
    Ich musste sehr schmunzeln über Ben, wie er reagierte, als er sah, wie Maike und Eddy sich küssten. Das sind ja oft die Momente im Leben, wo man sich dann selber eingesteht, dass man sich verliebt hat. Und das in einen anderen Mann! Das will erst einmal verarbeitet werden.
    Wünsche dir eine gute Nacht. Ciao Ciao Angelo

    • John Moccasin schreibt:

      Hallo Angelo, Entschuldige, dass meine Antwort erst so spät kommt, ich habe deinen Kommentar schlichtweg nicht gesehen.
      Ja, das mit den wenigen Besuchern ist schade, aber ich habe die Hoffnung, dass es irgendwann mehr wird und wenn nicht… kann man es auch nicht ändern;)
      Spätestens wenn ich meinen Roman fertig habe und ihn an verschiedene Verläge verschicken kann, werde ich wohl Feedback erhalten und sei es eine Absage^^
      Ich denke die Dialoge sind in dieser Geschichte sehr wichtig, schließlich geht es hauptsächlich um das Zwischenmenschliche und das lässt sich nun einmal so am Besten darstellen. Auf die Mischung zwischen Dialogen und Beschreibungen kommt es an, denke ich, und da bemühe ich mich ein gutes Verhältnis zu finden.
      Ich gebe dir Recht, sich selbst seine Gefühle einzugestehen ist schwierig und wenn es dann auch noch solch verwirrende sind, wie Ben sie durchmacht, ist es erst recht schwierig.
      Schön, dass du immer noch regelmäßig rein schaust,
      lieben Gruß,
      John

      • AngeloConCuore schreibt:

        Hallo John,
        das mit dem Übersehen macht doch nichts, das passiert mir auch manchmal.
        Wenn das Gefühlsleben total auf dem Kopf steht, ist das Denken oftmals recht schwierig, geschweige es dann auch noch zu Papier zu bringen. Und das macht wohl auch einen guten Schriftsteller aus.
        Liebe Nachtgrüße schickt dir
        Angelo

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