Italien 6.2


Hier nun der zweite Abschnitt vom sechsten Teil, viel Spaß beim Lesen 😉

Gruß

John

 

Genüsslich verschlang ich die Reste meines Spaghetti-Eises, welches ich mir zum Nachtisch gegönnt hatte. Im Nachhinein war es eine gute Entscheidung gewesen nicht alleine im Wohnwaggon zu essen, sondern eines der Restaurants der Einkaufspassage aufzusuchen. Nachdem ich mir als Hauptspeise eine Pizza mit Thunfisch gegönnt hatte, gab es zum Nachtisch ein kleines Spaghettieis. Da meine Eltern einkaufen gefahren waren, damit wir genügend Verpflegung für die kommenden Tage hatten, hatte ich mich entschieden hierher zu kommen.

Es tat gut auf der Dachterrasse des Restaurants zu sitzen, von wo ich in Ruhe das Treiben auf der Straße beobachten konnte. Allerdings war ich nicht der einzige, der diesen Platz für sich entdeckt hatte. Das Restaurant war voll mit Urlaubern, jeder Tisch war besetzt. Es war schön unter Menschen zu sein. Nachdem ich den gesamten gestrigen Tag damit zugebracht hatte meinen eigenen Gedanken nach zu hängen, wollte ich den heutigen Tag nicht wieder so zubringen. Hier hatte ich genug Ablenkung, obwohl auch diese natürlich nicht ausreichte um zu verhindern, dass meine Gedanken immer wieder zu Eddy zurück wanderten. Ich hielt auch heute an meiner Entscheidung fest meine Gefühle zu Gunsten einer Freundschaft zurück zu halten. Allerdings hatte sich im Verlauf des Morgens irgendwie eine verrückte Idee in meinem Kopf gesetzt. Nach wie vor wollte ich mit jemanden über meine Gefühle und meine Unsicherheit reden, doch meine Freunde waren dafür viel zu weit weg. Seit ich heute Morgen aufgewacht war, spielte ich mit dem Gedanken mit meinem Vater darüber zu reden. Ich wusste zwar, dass es für die meisten Väter weitaus schwieriger war damit umzugehen, aber ich hatte zu ihm ein viel besseres Verhältnis als zu meiner Mutter. Da ich nicht damit rechnete, dass meine Gefühle nach diesem Urlaub endeten, würde ich sowieso früher oder später mit meinen Eltern darüber reden müssen. Denn wenn es wahrscheinlich auch nicht Eddy sein würde mit dem ich eine Beziehung eingehen würde, so würde es irgendwann  bestimmt einen Jungen geben, mit dem ich bereit war diesen Schritt einzugehen. Ich glaubte an das alte Motto: Auf jeden Topf passt ein Deckel. Ich bildete da wahrscheinlich keine Ausnahme, auch wenn es natürlich schwieriger war jemanden zu finden. Was sollte mein Vater auch schon groß machen? Mich hier sitzen lassen? Nein, ich wusste, dass meine Eltern mich liebten und auch wenn es im ersten Moment ein Schock für sie sein würde, so könnten sie mich niemals dafür verstoßen, da war ich mir sicher. Also war jetzt nur noch die Frage, wie ich es am geschicktesten anstellen sollte. Es einfach frei heraus sagen oder mich langsam herantasten und erst einmal seine Reaktionen abwarten? Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sobald ich eine Frage für mich selber beantwortet hatte zehn weitere auftauchten. Das Leben wäre ja auch langweilig, wenn es leicht wäre. Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln. Ein Kumpel von mir, der es, seit ich denken kann nicht leicht gehabt hatte, hatte diesen Satz immer gesagt. Ich bewunderte es, wie er  es schaffte nach jedem Rückschlag wieder aufzustehen und mit einem Lächeln weiter zu machen. Vielleicht sollte ich mir von ihm eine Scheibe abschneiden, verkehrt wäre das sicher nicht. Satt und zufrieden schob ich den leeren Eisbecher von mir weg.

Sehr gut.

So lecker hatte ich schon lange nicht mehr gegessen. Es dauerte nicht lang, da stand eine Bedienung neben mir und fragte, ob ich noch etwas haben wollte. Ich schaute mich einmal kurz um und stellte fest, dass es noch immer sehr voll war. Immer wieder tauchten am Eingang Menschen auf, die enttäuscht abzogen, als sie bemerkten, dass alle Tische besetzt waren. Bevor die Kellnerin noch auf die Idee kam mich freundlich darum zu bitten den Tisch für neue Gäste zu räumen, bestellte ich mir noch ein Cola. So lange ich noch etwas vor mir hatte, würde niemand auf die Idee kommen mich weg zu schicken. Kurz nachdem die Kellnerin gegangen war, tauchte Mädchen an meinem Tisch auf.

Für eine Sekunde hielt ich sie für eines der Mädchen die wir der Disco kennengelernt hatten und welche mir indirekt die verbundene Hand eingebracht hatten.  Allerdings hatte sie kaum Ähnlichkeit mit Maike oder  Lea.

Sie hatte feuerrotes Haar, ihr hübsches Gesicht zierte ein verlegenes Lächeln. „Entschuldigung,“, sprach sie mich an, „Darf ich mich zu dir setzen? Alle anderen Tische sind voll und ich dachte mir, dass du bestimmt nichts gegen ein bisschen Gesellschaft hast.“, erklärte sie mit schüchterner Stimme.

„Aber klar, setz dich ruhig. Ich brauche sowieso nicht so viel Platz.“, erwiderte ich.

„Danke. Ich heiße übrigens Caroline, aber Caro reicht völlig.“, stellte sie sich vor.

„Schön deine Bekanntschaft zu machen, ich heiße Ben.“, sagte ich. Ihre Art hatte etwas verführerisches und es kam mir für einen Augenblick so, als stecke hinter dem schüchternen Lächeln weitaus mehr, als sie offenbaren wollte. Auch die Tatsache, dass sie nur mit einem knappen Bikini und einem engen T-Shirt bekleidet umherlief, weckte in mir den Verdacht, dass sie nicht ganz so unschuldig war wie sie tat.

„Und wie lange bist du schon hier?“, fragte ich, während ich darauf wartete, dass die Bedienung mit meiner Cola zurück kam und Caro darauf wartete bestellen zu können.

„Zwei Wochen schon. Zwei weitere kommen noch. Ich bin mit einigen Freunden hier, wir machen erst einmal Urlaub, jetzt wo wir mit der Schule fertig sind. Und du?“

„Ich bin erst ein paar Tage hier. Ich bin leider noch nicht fertig, ein Jahr habe ich noch.“, erklärte ich, als ich von einem Kellner unterbrochen wurde, der mir meine Cola brachte. Nachdem Caro bestellt hatte, plauderten wir eine ganze Zeit weiter und unterhielten uns über dies und jenes. Als ich ihr erzählte, dass ich mit meinen Eltern hier war, erntete ich ein mitleidiges Lächeln und das Angebot, doch Abends mal bei ihr und ihren Freunden vorbei zu schauen, wenn mir langweilig werden würde.  Innerhalb der kurzen Zeit schaffte sie es mich in ihren Bann zu ziehen. Schon bald war ihre schüchterne Zurückhaltung wie weggewischt und ihre natürliche und durchaus anziehende Art kam zum Vorschein. Trotz allem hatte sie etwas geheimnisvolles an sich, dass sie für mich irgendwie interessanter werden ließ. Eine ganze Zeit brachten wir so zu und unterhielten uns gut, ich bestellte mir noch zwei Colas und sie war zwischenzeitlich in ihre Linguini mit Scampis vertieft gewesen. Jetzt wo sie fertig war, kam die Sprache wieder auf mich.

„Und gibt es in Deutschland jemanden, der auf dich wartet?“, fragte sie.

Überrascht musterte ich sie, mit so einer direkten Frage hatte ich von ihr gar nicht gerechnet. In ihrem Gesicht spiegelte sich unverhohlene Neugier. Doch noch etwas anderes lag in ihrem Blick, was ich nicht zu deuten vermochte. Nach einigem Zögern antwortete ich:

„Nein, es gibt niemanden der auf mich wartet. Wie sieht es bei dir aus? Wartet auf dich jemand? Oder ist einer deiner Freunde von hier doch mehr als nur ein Freund?“, fragte ich, doch schon im nächsten Moment war ich von mir selber überrascht. Warum fragte ich sie so etwas? Ich hatte doch kein wirkliches Interesse an ihr, oder etwa doch? Nein, ich war nur höflich sagte ich mir, auch auf die Gefahr hin, dass diese Frage einen falschen Eindruck vermitteln konnte.

Sie lächelte: „Nein, es gibt niemanden der auf mich wartet. Und die mit denen ich hier bin sind auch alle nur Freunde. Meine letzten Beziehungen waren irgendwie alle sehr enttäuschend, darum warte ich im Moment eher ab.“, erklärte sie, während sie mich aufmerksam ansah.

„Das kenne ich.“, hörte ich mich sagen „Mir ging es ähnlich. Meine letzte Beziehung war auch nicht das was ich mir vorgestellt hatte und seit dem hatte ich auch noch nicht wirklich wieder Lust auf eine neue. Aber ich will mal sehen, was dieser Urlaub so mit sich bringt.“, sagte ich und warf und warf ihr dabei einen Blick zu, der eindeutiger nicht hätte sein können.

Was tue ich da? Es kam mir so vor, als hätte ich nicht länger die Macht über meinen Körper, als folge er den Befehlen von jemand anderes und ich hätte nur noch eine Beobachterposition. Meine eigenen Worte schockierten mich. Gerade gestern war es doch gewesen, dass ich geglaubt hatte schwul zu sein und heute fing ich an mit einem Mädchen zu flirten? Das passte doch hinten und vorne nicht. Vielleicht war meine „Entscheidung“ vorschnell gewesen? Was wenn ich nicht bloß auf Jungs sondern auch teilweise auf Mädchen stand?

„Ben?!“, Caros Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

„Äh was?“ Entschuldige, mir ist da gerade etwas wieder eingefallen. Was hast du gesagt?“, fragte ich etwas verdattert. Ich war so in meine eigenen Gedanken vertieft gewesen, dass ich ihre Anwesenheit für einen Augenblick völlig vergessen hatte.

„Ich habe gefragt, ob du Lust hast mal etwas zu unternehmen? Mit meinen Freunden und mir?“, sie betonte das letzte Wort besonders.

„Ähm klar, wieso nicht? Ich weiß ja jetzt wo du wohnst, ich komme dann einfach irgendwann mal vorbei.“, stotterte ich. „Ich muss jetzt aber leider los, ich hab völlig vergessen, dass meine Eltern jetzt gleich mit mir weg wollten.“, log ich.

„Oh schade, ich hätte mich gerne noch ein bisschen mehr mit dir unterhalten. Aber gut, die Eltern sollte man nicht warten lassen.“, erwiderte sie mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck. „Du kommst doch mal vorbei oder?“, fragte sie. Ich hatte mich schon erhoben und zum Gehen gewandt. „Sicher, gerne.“, erklärte ich, ohne mich noch einmal umzudrehen. Ich ging schnell zu der Kasse im Eingangsbereich und zahlte, ehe ich das Restaurant verließ.

Als ich unten durch die Einkaufspassage ging glaubte ich ihre Blicke von der Terrasse aus in meinem Rücken spüren zu können.

Die Sicherheit die ich noch am Vormittag verspürt hatte war jetzt wie weggefegt.  Die Begegnung mit Caro hatte mich wieder zurück in mein Tal aus Verunsicherung gestoßen. Ich irrte zurück zu unserem Wohnwaggon, allerdings nahm ich ab und an eine falsche Abzweigung, so als hätte sich die Unsicherheit über meine Sexualität auf meinen Orientierungssinn übertragen. Zu Hause angekommen stellte ich fest, dass meine Eltern schon wieder da waren, zumindest stand die Eingangstür offen. Unser Auto war jedoch noch nicht wieder zurück.

„Hallo?!“ rief ich, als ich eintrat.

„Hallo.“, kam es von meinem Vater aus der Küche zurück. Er war gerade dabei die zwei riesigen Klappkörbe auszuräumen, die auf dem Küchentisch standen.

„Wo sind Mama und das Auto denn?“, fragte ich verwundert.

„Die wollte noch ein wenig durch die Stadt schlüren. Ich hatte keine Lust mehr, darum haben wir uns darauf geeinigt, dass ich sie mich hier mitsamt der eingekauften Sachen ablädt und ich die schon ausräume, während sie noch einmal fährt.“

„Achso.“ Ich ging zu ihm herüber und half ihm die Sachen auszupacken. Während wir Nudeln, Konserven und Getränke in die Schränke einsortierten, kam mir die Idee meine Vorsatz vom Morgen gleich jetzt in die Tat um zu setzen. Meine Mutter wäre noch einige Zeit weg, also hätten wir genug Zeit in Ruhe zu sprechen.

Plötzlich wurde ich nervös. Mein Herzschlag beschleunigte sich, meine Hände wurden schwitzig. Sollte ich es wirklich tun? Na los, mach schon. Wies mich eine innere Stimme an. In mir tobte ein wilder Kampf der Gefühle. Ich schob alle Zweifel und alle Hoffnungen bei Seite und holte tief Luft.

„Papa, ich muss dir etwas sagen.“, krächzte ich. Meine Stimme war kurz davor zu versagen.Mein Vater schaute mich erwartungsvoll an, das Marmeladenglas noch in der Hand. Ich schloss die Augen und holte erneut tief Luft. „Ich glaube ich bin….schwul!“, stieß ich mit letzter Kraft hervor. Das Gesicht meines Vater verzerrte sich, das Marmeladenglas fiel scheppernd zu Boden. Mit einem hellen Klirren zerbrach es in tausend Teile….

 

Entgeistert sah mich mein Vater an. Oh mein Gott, das war ein riesiger Fehler! Wie hatte ich nur so dumm sein können zu glauben, dass er das gut aufnimmt? Geschockt von seiner Reaktion starrte ich meinen Vater nur an. Ich war nicht in der Lage mich zu rühren oder irgendetwas zu sagen.

Ich wartete darauf, dass mein Vater irgendwie reagierte, aber auch er stand einfach nur da.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis sich seine Züge veränderten. Der entgeisterte Ausdruck verschwand und ein Lächeln trat an dessen Stellen. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Jetzt schaute ich ihn voller Verwunderung an.

„Ach ehrlich?“, sagte er. „Schön das du es auch endlich gemerkt hast.“

Jetzt klappte mir die Kinnlade herunter.

„Du….du…wusstest es?“, stammelte ich.

„Glaubst du denn ich sei doof?“, fragte er. „Meine Güte, das ist doch nichts schlimmes.“

Jetzt verstand ich die Welt nicht mehr. Wie hatte er es wissen können? Und warum hat er mich so böse angeschaut als ich es ihm gesagt habe? Erst langsam begriff ich seine letzten Worte.

„Du hast kein Problem damit?“, fragte ich erstaunt.

„Warum sollte ich? Du stehst auf Jungs, na und? Sorgen würde ich mir machen, wenn du mir gesagt hättest, dass du krank bist.“

„Aber warum hast du dann das Marmeladenglas fallen lassen und mich so böse angeschaut?“, fragte ich noch etwas verunsichert.

„Nun…“, er druckste etwas verlegen herum, „Weil ich mir deinen geschockten Gesichtsausdruck nicht entgehen lassen wollte.“

„Was?“, ungläubig starrte ich ihn an. „Du hast dir einen Spaß daraus gemacht? Ich mache mir hier unglaubliche Gedanken und du hast nichts besseres zu tun als mich reinzulegen?“ Ich konnte es nicht fassen. Natürlich war ich froh, dass mein Vater es so gut aufgenommen hatte, aber die Tatsache, dass er mich so hinters Licht geführt hatte nagte an mir.

„Entschuldige, ich wusste nicht, dass das so schwer für dich war.“, sagte er mir deutlicher Reue in der Stimme.

„Schon ok“, winkte ich ab. „Aber woher wusstest du es?“, fragte ich, während ich ihm half die Sauerei des zerstörten Marmeladenglases zu beseitigen.

„Ich weiß nicht.“, er zuckte mit den Schultern, „Ich hatte schon immer das Gefühl, dass du ein wenig anders bist. Es war einfach immer so eine Ahnung, woher die kam kann ich dir auch nicht sagen. Vielleicht spürt man das einfach bei seinen eigenen Kindern. Aber sicher bin ich mir erst hier geworden. Es war leicht zu erkennen, die Art und Weise wie du mit ihm umgegangen bist. Vor allem aber auch wie du ihn angesehen hast. Das war mehr als deutlich.“

„Wirklich?“, fragte ich überrascht. Wenn es für meinen Vater so offensichtlich war, war es für Eddy dann genauso deutlich gewesen?

„Ich fürchte ja. Und diese Aktion vorgestern: Niemand zieht sich solche Wunden zu, wenn er in einen Karton mit Gläsern fällt. So wie die Scherben in deiner Hand steckten, war klar, dass du hinein geschlagen hast. Die Frage ist nur warum? Es hat irgendetwas mit Eddy zu tun, liege ich da richtig?“, erwartungsvoll sah er mich an.

Gott, ich war ja quasi ein offenes Buch für meinen Vater. Immerhin kann ich mit ihm darüber reden. Diese Unterredung mit ihm verläuft viel besser, als ich es mir jemals hätte erträumen können.

„Ja, es hat etwas mit ihm zu tun.“ Ich entschied mich kurzer Hand ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Vielleicht konnte er mir ja einen Rat geben was zu tun war. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte, den Aufenthalt in der Disco. Das Zusammentreffen mit Maike und Lea, wie ich Eddy und sie beim Küssen beobachtet hatte und wie ich in dem Moment bemerkt hatte was mit mir los war. Er hörte mir aufmerksam zu, jetzt, wo ich fertig war, saß er nur da und schaute mich an. Ich wartete darauf, dass er etwas sagte, doch er blieb stumm. „Und, willst du gar nichts dazu sagen?“, fragte ich ihn.

„Mhh das ist jetzt natürlich eine schwierige Situation.“, erklärte er.

„Ich weiß.“, sagte ich etwas konstaniert.

„Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie ich es damals gemacht habe.“

„Wie du was damals gemacht hast?“, fragte ich. Gab es da etwas, was mein Vater mir nie erzählt hatte?

Er lächelte mich an. „Auch ich war mal in einen Jungen verliebt.“

„Ernsthaft?“, jetzt war ich wirklich überrascht.

„Ja, das war noch während der Schulzeit, im vorletzten Jahr. Er ging mit mir in dieselbe Klasse und irgendwann während der Proben  für unser Theaterprojekt, hatte es dann wohl gefunkt. Jedenfalls war ich wirklich Hin- und Weg von ihm. Nur hatte ich nie wirklich was mit ihm zu tun, also hatte ich keine Ahnung, ob er eine Freundin hatte oder sonst was. Für mich war jedoch klar, dass ich das nicht so auf mir sitzen lassen konnte. Ich wollte mehr über ihn erfahren, also nutzte ich jede sich mir bietende Gelegenheit um ihm nahe zu sein und ihn näher kennenzulernen.“

„Aber war das damals nicht komisch für dich? Ich meine für mich war das im ersten Moment total verwirrend.“, unterbrach ich ihn.

„Natürlich war es das.“, fuhr er fort. „Es war auch noch eine andere Zeit. Ich meine die Hippiebewegung kam gerade durch und die verschonte auch uns nicht. Das hatte allerdings auch Vorteile. Man begann gerade sich von dieser prüden Art zu lösen, zumindest die jüngere, also damals meine, Generation. Alle wollten neues ausprobieren und die Homophobie die zuvor geherrscht hatte, ging langsam zurück, auch wenn sie damals noch weit aus mehr ausgeprägt war, wie sie es heute ist. Ich war also anfangs noch hin- und hergerissen von meinen Gefühlen, zum einen hatte ich immer die Stimmen meiner Eltern im Kopf, wenn sie darüber redeten, wie schändlich und schlecht doch die Homosexuellen sein, zum anderen war da aber auch dieses Verlangen zu ihm. Irgendwann siegte dann das Verlangen und ich entschloss mich mich nicht länger von der herrschenden Homophobie beeinflussen zu lassen. Ich schaffte es tatsächlich ihm näher zu kommen und mir eine Freundschaft zu ihm auf zu bauen. Irgendwann unternahmen wir dann auch relativ viel zusammen, gingen schwimmen, fuhren Fahrrad, rauchten Gras, was man damals halt so machte.“

„Wie Bitte?!“, ich hatte mich wohl verhört. Hatte mein Vater, der mir sonst immer einbläute ich solle ja die Finger von jeglicher Art von Drogen lassen, mir gerade beiläufig erzählt, dass er damals selber andauern welche genommen hatte?

„Jaja, ich weiß, ich mache dir deswegen immer Vorhaltungen. Aber damals war das etwas anderes, wir wussten wo das Zeug herkam und dass es rein war. Außerdem haben es damals eigentlich alle gemacht und man konnte gar nicht anders als mit zu machen.“, erklärte er.

Ich schaute ihn noch immer tadelnd an. Bevor ich jedoch etwas sagen konnte, fuhr er fort:

„So, weiter in der Geschichte. Nach einiger Zeit waren wir dann so eng befreundet, dass wir auch oft Sachen alleine gemacht haben, also ohne immer unsere Freunde im Schlepptau zu haben. Einen Nachmittag waren wir dann bei ihm, hatten ein wenig gekifft,“, er schaute verlegen zur Decke, „und Musik gehört. Radio war damals ja für einen Teenager schon das höchste der Gefühle, einen eigenen Fernseher zu haben, konnte man sich damals nicht leisten. In der Zeit vor diesem Nachmittag sind meine Gefühle auch immer stärker geworden, je näher ich ihn kennen gelernt hatte, desto mehr hatte ich mich auch verliebt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zumindest schon herausgefunden, dass er keine Freundin hatte und zu der Zeit auch in kein Mädchen verliebt war. Naja, wir verbrachten also den Nachmittag mit Musik einen Joint, der sich gewaschen hatte. Mein Vorteil, dann so sank meine Hemmschwelle immer weiter. Ich hatte mich in der ganzen Zeit davor nicht getraut ihn zu fragen oder ihm etwas über meinen Gefühle zu sagen, doch an dem Nachmittag ließen mich das Verlangen nach ihm und der zugedröhnte Zustand in dem ich mich befand, alle Ängste über Bord werfen.

Ich lehnte mich also zu ihm herüber und er wich mir nicht aus.

Im Gegenteil.

Er schien ganz begierig darauf zu sein.

Wir küssten uns ziemlich lange. Mein erster Kurs mit einem Jungen, dass war schon ein komisches Gefühl. Nun ja, wir verbrachten dann noch einen sehr leidenschaftlichen Nachmittag.“

„Ok, danke, ich habe genug gehört.“, unterbrach ich ihn. Das Sexleben meines Vaters interessierte mich wahrlich nicht, auch nicht, wenn es schon viele Jahre her war.

„Was ist danach passiert?“, fragte ich. „Ich meine wart ihr dann zusammen, oder wie ist das damals gelaufen? Es wird ja trotz der aufkommenden Toleranz nicht einfach gewesen sein eine Beziehung zu führen, oder?“

„Nun mal langsam,“, bremste mein Vater mich. „Wir waren danach nicht zusammen. Genau genommen blieb es bei dem Ereignis am Nachmittag.“, er zögerte etwas.

„Warum? Was ist passiert? Hatte er sich gar nicht in dich verliebt?“, setzte ich die Befragung fort.

Die Geschichte meines Vaters hatte endgültig mein Interesse geweckt. Er hatte es in einer mehr als problematischen Zeit gewagt den ersten Schritt zu machen, da gehörte einiges an Mut zu, so viel stand fest. Und wenn mein Vater das damals schon gewagt hatte, dann konnte ich das heute doch erst recht.

„Doch, er war schon in mich verliebt.“, fuhr er fort. „Aber ich merkte, dass ich nie wirklich in ihn verliebt gewesen war. Es war für mich mehr ein Abenteuer gewesen. Ich hatte seine Art bewundert, dieses unglaubliche Selbstbewusstsein, diese Kühnheit sich mit allen und jedem anzulegen. Diese Eigenschaften hatten in mir eine tiefe Bewunderung zu ihm geschaffen, welche ich fälschlicherweise für Liebe gehalten hatte. Außerdem wurde mir klar, dass Jungs nicht wirklich mein Ding sind. Mädchen waren mir doch lieber, aber es ist eine Erfahrung, die ich bis heute nicht bereut habe.“

„Und was war danach mit ihm?“, fragte ich. Es überraschte mich, dass mein Vater seine zuvor erwähnten Gefühle jetzt einfach als bloße Bewunderung abtat.

„Mh, für ihn war das Ganze etwas schwieriger, denn er hatte sich wirklich in mich verliebt. Er war eine ganze Zeit lang sauer auf mich, aber nach ein paar Wochen hatte er sich wieder gefangen. Er war mir dann sogar dankbar, weil ich ihn dazu gebracht hatte, sich diese Gefühle überhaupt erst einzugestehen. Wir stehen sogar heute noch in Kontakt und bemühen uns mindestens einmal im Jahr zu telefonieren. Er befindet sich inzwischen in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft.“, erklärte mein Vater.

„Aber wie kann es sein, dass du für so lange Zeit geglaubt hast, dass du verliebt in ihn bist und plötzlich, als es so weit war, kam dieser Gefühlswechsel?“, fragte ich. Es kam mir sehr suspekt vor, dass man seine eigenen Gefühle so lange misinterpretieren kann.

„Ich weiß es nicht. Es hat mich damals genauso verwundert, wie dich heute. Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob ich nicht einfach kalte Füße bekommen habe, aber ich bin mir mittlerweile sicher, dass es daran nicht lag. Es war einfach wie es war, ich merkte, dass es nicht das Richtige für mich ist. Ich fand es damals besser gleich einen Schlussstrich unter die Sache zu ziehen, auch wenn es mir seinen Ärger eingebracht hat. Schon in der ersten Zeit wurde mir klar, dass diese Entscheidung richtig war. Wenn ich ihn fortan ansah, fühlte ich zwar noch Bewunderung, aber kein Verlangen mehr. Auch sonst blieben andere Männer für mich vollkommen uninteressant.  Nun ja, als ich dann ein halbes Jahr später deine Mutter kennenlernte, war der Fall ohnehin klar.“

„Hast du ihr eigentlich jemals davon erzählt?“

„Nein.“, er zuckte mit den Schultern. „Irgendwie habe ich nie eine Notwendigkeit darin gesehen es ihr zu erzählen und sie hat mich nie nach so etwas gefragt.“

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ausgerechnet du mal eine solche Phase hattest.“, sprach ich meine Verwunderung offen heraus.

„Warum, was ist daran so besonders?“, fragte er.

„Naja, du bist immer so korrekt. Du versuchst immer so Gesellschaftskonform wie möglich zu sein und bloß nicht aufzufallen, da verwundert es schon, dass du jetzt von so einer Vergangenheit berichtest.

„Nun mach aber mal halblang.“, mein Vater wollte mich gerade zurechtweisen, als er von meiner Mutter unterbrochen wurde. Sie war in eben jenem Moment in der Tür aufgetaucht, beladen mit zwei Einkaufstüten, welche offensichtlich aus Kleidungsgeschäften stammten.

„Worüber streitet ihr denn schon wieder?“, fragte sie und schaute uns erwartungsvoll an.

„Über gar nichts.“, antworteten wir im Chor, was den misstrauischen Blicken meiner Mutter nicht gerade abträglich war.

„Wir haben uns nur unterhalten.“, erklärte mein Vater. Da er diese Antwort gab, ließ meine Mutter es dabei beruhen. Sie ging in Richtung Schlafzimmer und begann zu schwärmen, was für wundervolle Kleider sie doch gefunden hatte. Ich warf meinem Vater einen fragenden Blick zu, doch dieser schüttelte nur den Kopf und murmelte „später“. Dies hatte meine stumme Frage an ihn, ob ich auch noch mit meiner Mutter reden sollte beantwortet, also ging ich auf mein Zimmer. Mein Vater war also der gleichen Meinung wie ich, es wohl besser noch zu warten.

In meinem Zimmer ließ ich mich erst einmal auf mein Bett fallen.

Was für ein Tag. Er hatte einige Überraschungen für mich bereit gehalten. Erst die Begegnung mit Cora und anschließend dieses sensationelle Gespräch mit meinem Vater. Ich hatte in meinen kühnsten Träumen nicht damit gerechnet, dass er so gut darauf reagiert. Wenn mir irgendjemand erzählt hätte, dass er mir auch noch so eine Story erzählt, den hätte ich wohl für verrückt erklärt.

Damit hatte ich mein erstes Coming-Out hinter mich gebracht und durch das Gespräch mit meinem Vater ein weiteres Stück Sicherheit gewonnen, dass diese Gefühle die ich hatte vollkommen in Ordnung waren. Das Gespräch mit meiner Mutter hatte noch Zeit, vielleicht würde ich es auch erst dann suchen, wenn ich irgendwann einen Freund hatte. Jetzt konnte ich mich auf einen schönen morgigen Tag mit Eddy freuen. Das Wetter sollte gut werden, also stand einem Tag am Strand und am Wasser nichts mehr im Wege.

Zumindest fast.

Ich warf einen besorgten Blick auf den Verband. Hoffentlich waren die Wunden schon so gut verheilt, dass ich damit ins Wasser konnte. Schicht um Schicht löste ich den schützenden Stoff von meiner Haut. Immerhin war der Verband kaum noch blutig.

Ich zögerte einen Moment bevor ich die letzte Lage entfernte. Der Anblick der mich erwartete, entschied darüber, ob ich bald wieder ins Wasser konnte oder nicht.

Als ich die letzte Bahn entfernte, atmete ich auf.

Die Wunden waren schon gut verheilt. Überall bildete sich neue, rosafarbende Haut. Keine schien mehr zu bluten. Auch wenn die neue Haut noch sehr empfindlich aussah, wagte ich es meine Hand ein bisschen zu bewegen. Sie wurde arg strapaziert, aber keine der Wunden riss wieder auf.

Dennoch, für größere Aktivitäten würde das wohl noch nicht reichen. Enttäuscht schaute ich auf die Verletzungen, so würde ich noch nicht ins Wasser gehen können. Ich musste mich also damit begnügen Eddy vom Strand aus zuzusehen, wie er sich im Wasser austobte. Ich nahm die kleine Tasche mit neuem Verbandszeug von meinem Nachtschrank und versuchte mir einen neuen Verband zu machen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, rief ich meine Mutter herbei, damit sie mir behilflich war. Als der neue Verband angelegt war, fragte sie ob wir nicht eine Runde Boule spielen wollten. Da Eddy noch immer nicht wieder da war und mir auch sonst keine gute Beschäftigung für den restlichen Tag einfiel, stimmte ich zu, unter der Vorraussetzung, dass meine Eltern auch jeweils ihre schwache Hand benutzen mussten.

Erstaunlicherweise hatten wir sogar viel Spaß dabei und auch der anschließende Gang zur Eisdiele verlief angenehm. So fiel ich abends mit einem sehr guten Gefühl in mein Bett und es dauerte auch nicht lange, bis ich eingeschlafen war. Es war einfach ein durch und durch guter Tag gewesen.

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