Der Test

„Positiv?“, wiederholte der Namenlose.

„Ja, leider.“ Er war 20, maximal 25. Ich seufzte, wieder einer, der sich für den schnellen Spaß das Leben versaut hatte.

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Verlorene Hoffnung

Das Banner flatterte im Wind, löste sich und wehte davon. Niedergeschlagen verfolgte sie es. Besiegt, geschlagen, vernichtet. Alle Hoffnung war verloren.

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Sieg?

Der Pfeil traf, der letzte Feind geschlagen. Erschöpft sank der Held zu Boden. Er hatte gewonnen und dennoch alles verloren.

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Tiny Tales

Während ich im Urlaub war fiel mir ein Bericht ein, den ich einmal bei Einslive gehört habe. Es ging um einen Autor, der Kurzgeschichten schreibt die nicht länger als 140 Zeichen sind. Der Autor war Florian Meinberg, wenn ich mich recht entsinne. Schon damals warf dieses Konzept bei mir Fragen auf: 140 Zeichen, wie soll denn das gehen? Da kann man doch keine vernünftige Geschichte drin zu Papier bringen. Ich spielte natürlich mit dem Gedanken selber so etwas zu schreiben, habe mich da aber erst einmal überhaupt nicht dran getraut.

Im Urlaub erinnerte ich mich dann wieder an den Bericht, als mir zu meinen eigentlichen Projekten nicht so wirklich etwas einfallen wollte. In meiner Erinnerung waren es jedoch 160 Zeichen, also genau die Länge, die eine Sms maximal haben kann. Ich überlegte ein bisschen und es dauerte gar nicht lang, da kamen mir die ersten Geschichten in den Sinn. Schnell ins Handy getippt und überpüft… passt! Die ersten paar Geschichten blieben alle samt unter den 160 Zeichen, nur wenige überschritten die Grenze.

Ich finde diese Idee, in 160 Zeichen eine Geschichte unterzubringen sehr interessant und vor allem glaube ich, dass es eine gute Fingerübung ist. Man lernt sich kurz und knapp auszudrücken und Begriffe zu finden, die etwas genau beschreiben. Es ist also eine Herausforderung, aber eine die mir großen Spaß macht.

Darum habe ich mir jetzt vorgenommen regelmäßig solche „Tiny Tales“ zu schreiben, auch wenn ich mich an 160 Zeichen und nicht 140 Zeichen orientiere. Meist sind es nur Momentaufnahmen oder kurze Eindrücke, die in diesen Geschichten zur Geltung kommen. Ich finde sie jedoch sehr praktisch. Sie sind schnell geschrieben und bei mir kommt es oft vor, dass mir plötzlich irgendein Satz im Kopf geistert, der den Auftakt zu einer Fantasygeschichte oder einem ganzen Roman bilden könnte. So habe ich ein schönen Weg um diese Sätze zu Papier zu bringen, ohne dass ich tausende angefange Geschichten habe, die ich sowieso nie zu Ende schreiben kann.

Soviel zu meiner neuen Katerogie, natürlich habe ich diese Einleitung jetzt nicht geschrieben, ohne eine solche „Kurzgeschichte“ zur Hand zu haben (Den Titel rechne ich übrigens nicht mit ein, da ich ihn erst später zur besseren Übersicht anfüge) :

Unscheinbar

Er nippt an seinem Kaffee. Die wachen Augen wandern umher. Jeden Tag sitzt er dort. Wachsam, distanziert, analysierend, verstehend. Ein stummer Beobachter.

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Italien 7.2

Gestern bin ich einigermaßen erholt aus meinem „Erlebnisurlaub“ wiedergekommen und werde euch heute, wie versprochen, den nächsten Teil von „Italien“ präsentieren. Da ich mir nicht sicher bin, wie das hier mit den Jugendschutzbestimmungen ist, sage ich einfach mal, dass der Teil vielleicht nicht von Lesern unter 14 Jahren gelesen werden sollte^^

Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Lesen,

lieben Gruß

John

 

 

Damit schien ich ihn vollkommen überrumpelt zu haben.

Ich rechnete damit, dass er mich von sich stieß und mich fragte was mir den einfiele, aber nichts davon geschah.

Stattdessen begann er den Kuss zu erwidern. In diesem Moment brach ein Feuerwerk an Glücksgefühlen in mir los. Das musste einfach ein Traum sein, der schönste und tollste Junge der Welt hatte sich wirklich in mich verliebt. Leidenschaftlich küssten wir uns.

Es schien, als würde die Welt stehenbleiben und ich wünschte mir, dass sie sich niemals weiter drehen sollte.

Es war ein Moment vollendeten Glückes für mich.

Nach einer halben Ewigkeit lösten wir uns aus der Umklammerung. Eine Zeit lang standen wir uns nur schweigend gegenüber und schauten uns in die Augen. Aus unser beider Gesichtern strahlte pures Glück.

Wir begannen wieder uns zu küssen, diesmal sanfter und gefühlvoller. Noch nie in meinem Leben hatte ich etwas so intensiv wahrgenommen, wie diesen Augenblick. Auch der Moment, als ich mit meiner Exfreundin zusammengekommen bin, war mit diesem nicht zu vergleichen.

Wieder blieben wir eine ganze Weile so und küssten uns unablässig.

„Du ahnst gar nicht wie glücklich ich gerade bin.“, sagte ich schließlich.

„Denkst du etwa mir geht es anders?“, fragte er.

„Ich weiß nicht. Ich hätte nie damit gerechnet, dass du dich auch in mich verliebt haben könntest.“, erklärte ich.

„Vom ersten Augenblick an.“, sagte er mit ernster Miene.

„Wirklich?“, fragte ich ungläubig. Ich konnte mich noch ziemlich genau an unsere erste Begegnung erinnern und ich war sehr sicher, dass ich dabei alles andere als elegant ausgesehen habe. „Warum hast du nie etwas gesagt, oder zumindest Andeutungen gemacht?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass du ähnlich empfinden könntest. Ich denke wir hatten wohl beide zu viel Angst.“, erklärte er.

„Das ist ja jetzt vorbei.“, sagte ich und küsste ihn flüchtig, bevor ich mich rücklings ins Wasser fallen ließ.

Als das kühle Wasser über mir zusammenbrach rechnete ich für einen Moment damit, aus diesem wunderschönen Traum aufzuwachen. Glücklicherweise stand vor mir noch immer ein grinsender Eddy, als ich wieder auftauchte.

„Was?“, fragte ich ihn, nachdem er nur regungslos dastand.

„Glaubst du etwas, dass du mir damit davon kommst?“, fragte er und schelmisch grinsend stürzte er sich auf mich.

So tobten wir eine ganze Weile durch das Wasser, immer wieder fielen wir übereinander her.

„Ich glaube, dies ist der schönste Tag in meinem Leben.“, sagte ich, als wir irgendwann wieder am Strand saßen. Ich hatte meinen Kopf auf seine Schulter gelegt und schaute hinaus aufs Wasser. Es war inzwischen schon später Nachmittag, sodass sich die Sonne glitzernd auf dem Wasser spiegelte.

„Ja, ich kann mich auch nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so glücklich war.“, erklärte er. Glücklich schauten wir uns einen Moment in die Augen, bevor wir uns einmal mehr küssten.

„Was hältst du davon, wenn wir uns langsam mal etwas zu essen mache?“, fragte er. „Ich habe nämlich so langsam schon echt Hunger.“

„Klingt gut. Mein Magen fängt auch bald das Meckern an.“, stimmte ich ihm zu. Also machten wir uns daran das Holz aufzuschichten und ein passables Feuer in Gang zu bringen.

„Wie lange weißt du eigentlich schon, dass du schwul bist?“, fragte ich ihn, als wir am Feuer saßen und die Bratwürste über den Flammen grillten.

„Ich würde mich nicht als schwul bezeichnen. Ich sehe mich selbst eher als Bisexuell. Ich finde Mädchen eigentlich genauso interessant wie Jungs.“, erklärte er.

„Aber es muss doch bei dir auch irgendwann einen Moment gegeben haben, in dem dir klar wurde, dass du andere Jungs attraktiv findest.“

„Ja schon, aber der liegt schon lange zurück. Ich glaube da war ich dreizehn oder vierzehn, als mir das klar wurde. Am Anfang tat ich mich etwas schwer damit, aber ich lernte relativ bald das zu akzeptieren. Wie lange weißt du es denn schon?“, fragte er.

„Ein paar Tage erst. Vor diesem Urlaub habe ich nie über die Möglichkeit nachgedacht, dass ich schwul  sein könnte. Als ich dir dann hier begegnet bin, hat das Gefühle in mir geweckt, die ich zu Beginn überhaupt nicht einordnen konnte. Darum bin ich vor zwei Tagen auch im Internetcafé gewesen und habe mich ein wenig schlau gemacht. In diesem einen Forum habe ich dann auch einige Antworten gefunden, das war wirklich sehr hilfreich.“

„Moment, war das die Seite, die du aufgerufen hattest, als ich dazu gekommen bin?“, unterbrach er mich.

„Ja, wieso?“, fragte ich, überrascht von seiner Reaktion.

„Weil mir diese Seite irgendwie bekannt vor kam, aber ich konnte die ganze Zeit nicht einordnen woher. Jetzt weiß ich es wieder: vor einigen Jahren, als ich selbst noch nicht wusste, was ich wollte, war ich in dem gleichen Forum unterwegs.“, erklärte er.

„Du hast die Seite also gesehen?“, fragte ich. Er nickte.

„Ich hatte gedacht, ich hätte sie schnell genug geschlossen. Naja, jetzt ist der Fall ja sowieso klar, und ich brauche keine Angst mehr zu haben, dass du mich deswegen verstößt.“, legte ich die Sorgen offen, die mich noch vor einigen Tagen geplagt hatten.

„Ich glaube, selbst wenn die Lage anders gewesen wäre, als sie es ist, hätte ich dich nicht verstoßen.“, er lächelte mich an.

Einmal mehr könnte ich bei diesem Lächeln dahinschmelzen. Allerdings brannte mir noch eine Frage auf der Seele, die mir keine Ruhe ließ.

„Hattest du schon mal eine Beziehung zu einem Jungen?“, versuchte ich ihn so beiläufig wie möglich zu fragen. Irgendwie hatte ich Angst bekommen, dass ich für ihn nur einer von vielen war. Vielleicht sogar nur eine Bettgeschichte? In meinem Inneren war mir klar, dass diese Ängste vollkommen unbegründet waren, aber ich konnte sie dennoch abstellen. Ein wenig fürchtete ich mich dennoch vor der Antwort.

„Bisher hatte ich zwei Beziehungen, eine zu einem Mädchen namens Sarah und eine zu einem Jungen, der Kim hieß.“, erklärte er.

„Kim? Ist das nicht eher ein Mädchenname?“, fragte ich etwas verwundert.

„Dachte ich auch erst, aber er hat mir erklärt, dass der Name unter Asiaten üblich für Jungs ist. Jedenfalls waren beide Beziehungen nicht so der Knaller, auch wenn sie anfangs echt schön waren. Allerdings habe ich nach einiger Zeit Seiten an den beiden kennengelernt, die ich anfangs nicht erwartet hätte.“ Als er mir das erzählte, fiel mir innerlich ein Stein vom Herzen, ich war also doch nicht nur einer von vielen.

„Ich glaube so etwas kann man vorher nie ausschließen, schließlich lernt man eine Person in einer Beziehung ganz anders kennen, als man es so könnte.  Ich denke wenn es nicht passt, muss man sich das auch früh genug eingestehen und die Konsequenzen ziehen.“, sagte ich.

„Ja, das gehört wohl zu den unangenehmen Seiten einer Beziehung, aber darüber sollten wir uns ers einmal keine Gedanken machen.“, sagte er und lächelte mich an.

Wollte er damit sagten, dass er uns in einer Beziehungen sah? Natürlich wünschte ich mir das, aber irgendwie kam ich mir dumm vor, ihn das zu fragen.

„Du hast Recht, darüber sollten wir uns noch keine Gedanken machen. Schließlich sind wir noch ganz am Anfang.“, sagte ich, gespannt wie seine Reaktion auf meine letzten Worte ausfiel.

„Genau, vorerst sollten wir uns nur darum kümmern, das unsere Würstchen nicht schwarz werden.“, sagte er.

Während mein Inneres Purzelbäume schlug, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den  Spieß, den ich zwar die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, aber über unser Gespräch ganz vergessen hatte. Genüsslich verschlangen wir unser Abendessen. Selbst während des Essens kam ich nicht umhin unentwegt zu lächeln, zu gut war dieser Tag verlaufen. Es war einfach unbegreiflich für mich, dass ich hier nun mit diesem wundervollen Jungen am Lagerfeuer saß, die rote Sonne im Blick, die langsam am Horizont verschwand, es war einfach alles so perfekt.

In aller Ruhe aßen wir unsere mitgebrachten Würstchen und gönnten uns dazu ein Bier, welches Eddy plötzlich aus der Kühltasche hervorzauberte.  Als wir fertig mit Essen waren, setzten wir uns dicht nebeneinander ans Feuer und beobachteten den Sonnenuntergang. Schweigend genossen wir beide den Abend, weiterer Worte bedurfte es nicht. Dem Glück in dem wir schwelgten, verliehen wir von Zeit zu Zeit in einem gefühlvollen Kuss Ausdruck.

„Was meinst du, wollen wir uns langsam hinlegen?“, fragte er schließlich. Die Sonne war schon lange untergegangen, auch das Feuer brannte nur noch in den letzten Zügen. Bald wäre davon nichts als ein Haufen glühender Kohlen übrig.

„Ja, ich glaube langsam ist es Zeit, Holz haben wir keines mehr und müde bin ich mittlerweile auch schon etwas.“, antwortete ich. Um die Reste des Feuers brauchten wir uns nicht weiter zu kümmern, da um uns herum sowieso nur Sand war.

„Das war wirklich ein toller Nachmittag.“, sagte ich, zum Dank küsste ich ihn.

„Das war er wirklich.“, stimmte er mir zu. Wir gingen zu unserem Zelt und quetschten uns durch den Eingang.  Das Zelt war gerade groß genug, dass wir mit unseren Schlafsäcken und Taschen hinein passten. Es versprach also eine kuschelige Nacht zu werden.

Immerhin war das Zelt hoch genug, dass wir darin knien konnten, das würde die Suche nach den Schlafsachen um einiges erleichtern.

„Alles ok?“, fragte ich Eddy, weil er nur vor mir kniete und mich anlächelte.

„Weißt du eigentlich wie wunderschön du bist?“, fragte er mich.

Da ich vor Verlegenheit nicht wusste, was ich auf das Kompliment antworten sollte, küsste ich ihn einfach wieder.

Doch dieser Kuss war anders als die anderen, er war noch leidenschaftlicher. Plötzlich spürte ich noch ein anderes Verlangen in mir aufsteigen. Je leidenschaftlicher wir uns küssten, desto mehr spürte ich die Erregung in mir steigen. Für einen Moment war es mir peinlich, doch ich konnte trotz der Kleidung spüren, dass es Eddy auch nicht anders erging.

Wir küssten uns immer heftiger, unsere Atmung wurde schwerer. Er zog mir das T-Shirt aus, und keine 2 Sekunden später lag auch sein Shirt in einer Ecke des Zeltes. Es war ein unglaublich schönes Gefühl seinen Körper so dicht an meinem zu spüren. Wir küssten uns immer weiter, bis er mich schließlich sanft auf den Schlafsack drückte.

Er begann mir den Hals zu küssen, bevor er immer weiter abwärts wanderte. Meine Brust, mein Bauch, mein Bauchnabel… Jeder Kuss steigerte meine Erregung weiter. Ein leises Stöhnen entfuhr mir, als er langsam die Schleife meiner Badehose öffnete. Er streifte sie mir vom Körper und begann mir gefühlvoll einen zu blasen. Es war ein unbeschreibliches schönes Gefühl, noch nie in meinem Leben hatte ich eine so intensive Erregung verspürt.

Gerade als ich merkte, dass meine Grenze erreicht war, ließ er von mir ab und trat die Reise zurück nach oben an. Eine Weile küssten wir uns wieder,  ich war ziemlich froh um die kleine Pause. Kurz darauf drehte ich den Spieß um. Er lag auf dem Rücken und ich begann seinen Hals zu küssen. Die Nervosität die auf Grund meiner Unerfahrenheit bei mir in dem Moment aufstieg, ignorierte ich einfach. Auf meinem Weg hinab konnte ich deutlich die Beule in seiner Badehose spüren. Ich entfernte das störende Kleidungsstück und fing vorsichtig an ihm einen zu blasen. Am Anfang war es ein komisches Gefühl, doch schon nach kurzer Zeit fand auch ich Gefallen daran. Nach Eddys Stöhnen zu urteilen, schien auch er seinen Spaß zu haben.

Als sein Stöhnen lauter wurde, glaubte ich, dass es genug war und hörte auf. Wir küssten uns erneut, die nackten Körper dicht aneinander gepresst, wälzten wir uns auf den Schlafsäcken hin un her. Irgendwann stoppte er und fragte leise:
„Möchtest du noch einen Schritt weiter gehen?“ Da meine Erregung mir in diesem Moment den Atem verschlug, nickte ich nur wortlos. Ich konnte mir mein erstes Mal mit niemandem schöner vorstellen als mit ihm.

Plötzlich nahm sein Gesicht einen verlegenen Ausdruck an: „Hast du ein Kondom dabei?“, fragte er.

Ich wollte die Frage schon verneinen, als mir auffiel, dass ich mir zu der Zeit als ich mit meiner Exfreundin zusammen gewesen war vorsichtshalber welche gekauft hatte und diese sich noch immer in meiner Tasche befinden sollten.

„Einen Moment.“, sagte ich und kramte in meiner Tasche. Nach kurzem Suchen hielt ich triumphierend eine Packung in die Höhe.

„Perfekt.“, sagte Eddy und wir begannen uns erneut zu küssen.

„Ähm, ich habe das noch nie gemacht.“, gestand ich ihm verlegen, als er begann sich das Kondom überzustreifen.

„Keine Angst, ich bin ganz vorsichtig. Wenn du merkst es geht nicht, sagst du es einfach und wir hören auf.“, beruhigte er mich. „Versuch dich zu entspannen.“, wies er mich an und küsste mich. Seine verständnisvolle Art nahm mir ein gutes Stück Nervosität. Ich legte mich auf den Rücken, während er meine Beine auf seine Schultern legte. Glücklicherweise war in der Kondompackung noch extra Gleitgel, welches er auf seinem Schwanz und meinem Hintern verteilte.

Dann begann er ganz langsam in mich einzudringen.

Ein Stöhnen entfuhr mir, als es für einen Moment schmerzte. Sofort verharrte er und fragte:

„Geht es?“

„Ja, tat nur für eine Sekunde weh.“, erklärte ich, also fuhr er noch vorsichtiger fort. Schließlich steckte er vollends in mir drin. Es war ein komisches Gefühl, doch es tat kaum weh.

„Kannst du kurz so bleiben?“, bat ich ihn. Ich wollte mich erst einmal an das neue Gefühl gewöhnen.

„Natürlich.“, antwortete er und beugte sich langsam zu mir herüber. Er küsste mich gefühlvoll und so verharrten wir eine Zeit lang.

„Besser?“, fragte er schließlich.

„Ja.“, gab ich zurück. Ganz vorsichtig und gemächlich begann er sich vor und zurück zu bewegen. Es dauerte nicht lange, bis das komische Gefühl purem Gefallen wich. Eddy bewegte sich jetzt immer schneller und bald erfüllte unser beider genüssliches Stöhnen die Luft. Immer wieder küssten wir uns und legten keine Pausen ein, weil wir nicht wollten, dass der Spaß zu schnell vorbei war. Ich war mir sicher, dass mein erstes Mal nicht schöner sein konnte.

Irgendwann fing Eddy an mir einen runterzuholen, während er immer wieder in mich eindrang.

Unser Stöhnen wurde noch lauter, bis wir schließlich an einen Punkt gelangten, dass wir es beide nicht mehr aushielten. Wir kamen gleichzeitig zum Höhepunkt, mit einem lauten Stöhnen endete unser Liebesakt. Schwer atmend sank er über mir zusammen und küsste mich.

„Das war unglaublich schön.“, sagte ich.

„Mehr als das.“, sagte er. „Einfach unbeschreiblich.“
Vorsichtig zog er seinen Schwanz heraus und legte sich neben mich. Schwer atmend blieben wir eine Weile so liegen. Es war die Krönung für einen perfekten Tag.

Als wir schließlich wieder zu Atem gekommen waren, machten wir uns schnell mit Taschentüchern sauber, bevor wir uns zusammen unter einen Schlafsack kuschelten, den wir als Decke über uns gelegt hatten. Es dauerte nicht lange, da waren wir Arm in Arm und überglücklich eingeschlafen.

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Italien 7.1

Mit dem ersten Abschnitt des siebten Teils möchte ich mich  für die nächsten zwei Wochen in den Urlaub verabschieden. Dort wo ich hinfahre werde ich weder einen Laptop noch regelmäßig Internet haben, darum lasse ich euch ein wenig mit der Fortsetzung schmoren;)

Seht es mir also bitte nach, wenn ich nicht so bald auf Kommentare antworten kann, sobald ich wieder da bin, werde ich das mit Freude tun.

Lieben Gruß und viel Spaß beim Lesen,

John

 

„Aufstehen Schlafmütze!“, weckte mich eine allzu bekannte Stimme.

Verschlafen sah ich mich um, bis ich schließlich einen strahlenden Eddy neben meinem Bett entdeckte.

„Guten Morgen.“, gab ich noch etwas desorientiert zurück.

„Morgen?“, entrüstete Eddy sich. „Es ist schon nach 11. Sieh zu, dass du aufstehst, damit wir endlich los kommen.“

„Losfahren? Wohin?“, ich war immer noch nicht auf der Höhe.

„Zum Strand natürlich. Das Wetter ist einfach perfekt. Die Sonne scheint ohne Ende und es ist richtig warm. Also mach hinne, in spätestens einer halben Stunde fahre ich.“, drohte er.

„Ich kann doch eh nicht ins Wasser. Du weißt doch, meine Hand.“, bremste ich ihn und schob die verbundene Hand unter der Bettdecke hervor. Allerdings wurde Eddys Grinsen nur noch breiter.

„Keine Angst. Ich habe vorgesorgt.“, triumphierend reckte er seine linke Hand in die Höhe.

„Was hast du da?“, fragte ich. Ich war noch zu verschlafen um Details zu erkennen.

„Einen Gummihandschuh und Panzertape.“, erklärte er.

Ich setzte mich in meinem Bett auf, um die Utensilien genauer betrachten zu können.

„Und du meinst das funktioniert?“, fragte  ich ihn.

„Ich hoffe es zumindest. Aber du kannst es jetzt unter der Dusche direkt ausprobieren. Ich packe in der Zeit das Auto.“

Überrascht schaute ich ihn an. „Was gibt es denn zu packen?“

„Das Zelt und so. Ich dachte mir wir könnten uns doch die Fahrerei sparen, indem wir einfach am Strand zelten. Dann können wir morgen früh direkt wieder ins Wasser, ohne dass wir erst fahren müssen. Verpflegung haben wir auch genug, es ist also für alles gesorgt. Es sei denn du hast keine Lust?“, fragend schaute er mich an.

„Machst du Witze? Klar habe ich Lust. Dafür breche ich sogar meine Nachtruhe ab.“, erklärte  ich.

„Perfekt. Ich kümmere mich dann mal um das Auto.“, sagte er und ging hinaus. Vorfreude stieg in mir auf. Mir standen vermutlich zwei sehr lustige Tage bevor.

Gut gelaunt ging ich ins Bad und machte mich mit Hilfe des neuen Wasserschutzes fertig.

Etwa dreißig Minuten später saßen wir schon in Eddys Auto und waren auf dem Weg zum Strand. Eddys Handschuh-Tape-Konstruktion hatte tatsächlich gehalten, ein längerer Aufenthalt im Wasser war also kein Problem. Als ich beim Frühstück meinen Eltern von unseren Plänen berichtete, hatten diese sich darüber gefreut, dass ich die nächsten zwei Tage mit Eddy verbrachte. Mein Vater hatte mir sogar ein aufmunterndes Zwinkern zu geworfen, was auch immer das zu bedeuten hatte.

Wollte er mich etwa ermutigen den entscheidenden Schritt bei Eddy zu wagen?

Gedankenverloren beobachtete ich Eddy während der Autofahrt. Dieser glückliche Ausdruck der in seinem Gesicht lag, war das mehr als nur freundschaftliche Freude Zeit mit mir verbringen zu können?

Vielleicht.

Aber die Tatsache, dass er schon zwei Freundinnen hatte, spricht wohl dagegen. Es waren immer wieder die gleichen Gedanken und Fragen die in meinem Kopf kreisten. Auch wenn ich mich entschlossen hatte ihm nichts von meinen Gefühlen zu sagen, verschwanden diese Fragen nicht einfach. Allerdings konnte ich nur Antworten finden, wenn ich bereit war Risiken einzugehen. Warum konnte so etwas nicht einfacher sein? Warum gab es nicht ein Programm, welches einem genau die Sexualität des anderen verriet?

„Mist.“, fluchte ich ungewollt laut.

„Was?“, fragte Eddy.

„Hä? Ich hab nichts gesagt.“, behauptete ich.

„Na klar. Du hast gerade geflucht, also warum?“ Er schaute mich fragend an.

„Hab ich?“, innerlich ärgerte ich mich, ich hatte das gar nicht laut aussprechen wollen.

„Ja, hast du.“, erwiderte er energisch. „Also, was ist es worüber du dich aufregst?“

„Ach nichts. Ich war nur in Gedanken. Wie war es eigentlich gestern mit deinen Eltern?“, versuchte ich das Thema zu wechseln.

„Ganz ok.“, erklärte er. Anscheinend hatte der plumpe Versuch funktioniert. „Wir sind durch ganz Rom gelaufen und haben  uns alle Sehenswürdigkeiten angeschaut, eine sehr interessante Stadt muss ich sagen.“

„Das klingt jetzt aber nicht sehr begeistert.“

„Doch, eigentlich fand ich die Stadt schon sehr interessant und ich hatte mich schon lange darauf gefreut sie zu sehen, aber gestern war irgendwie… komisch. Kann ich auch nicht richtig erklären.“, sagte er.

„Hm okay. Naja, ist zwar schade, dass es letztendlich nicht so war, wie du es dir vorgestellt hast, aber vielleicht wird der nächste Besuch interessanter.“, versuchte ich ihn aufzumuntern.

„Schauen wir mal. So wir sind da!“

Erstaunt schaute ich mich um. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass wir schon so weit waren.

„Wollen wir die Sachen jetzt schon alle mit raus nehmen, oder erst später?“, fragte er.

„Später. Jetzt will ich erst einmal ins Wasser.“, erklärte ich und schon machten wir uns daran die Surfbretter und zwei Handtücher auszuladen. Meine Hand wurde wieder wasserfest gemacht und schon konnte es losgehen.

Das Wasser war eine willkommene Abwechslung von der Hitze, die schon so früh herrschte.

„Bist du bereit wieder auf Brett zu steigen?“, fragte er, nachdem wir uns ein paar Minuten so abgekühlt hatten.

„Na klar.“ erwiderte ich und machte mich auf den Weg mein Surfbrett zu holen.

„Wie kommt es eigentlich, dass die Wellen hier so gut brechen? Denn eigentlich ist Italien, beziehungsweise die Adria, ja nicht so die Surfregion, um es mal milde auszudrücken.“, fragte ich ihn.

„Du hast Recht, das ist ungewöhnlich, darum habe ich mir die Frage auch schon oft gestellt. Ich glaube es liegt an der Klippe, die ein Stück vom Strand unter Wasser ist. Irgendwann als ich hier mal tauchen war, habe ich die entdeckt. Der größte Teil dieser Bucht hier liegt auf einem Plateau und da ist ein Unterschied von ein paar Metern bis zum eigentlichen Grund. Ich kann dir allerdings nicht sagen, ob das wirklich die Ursache ist, ich kenne mich mit so etwas nämlich überhaupt nicht aus. Vielleicht ist es auch nur eine Laune der Natur oder ein Wunder Gottes.“, scherzte er.

„Wir werden es wohl nicht erfahren.“, erwiderte ich mit einem Achselzucken. „Wir sollten einfach froh sein, dass es ist wie es ist.“, fügte ich an, dann stürzte ich mich mit dem Surfbrett in die Fluten.

Auch wenn mir das Paddeln noch einige Schwierigkeiten bereitete, stellte die kaputte Hand alles in allem kein großes Hindernis dar.

Wir surften einige Zeit vor uns hin, bis Eddy es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht hatte mich während des Wellenreitens von meinem Brett zu schubsen.

„Na warte!“, drohte ich ihm, nachdem er mich das dritte Mal erfolgreich vom Brett geholt hatte. Ich bemühte mich, während des Surfens neben ihn zu kommen aber da er um einiges geschickter und geübter war als ich, endeten meine Versuche alle im kühlen Nass.

„Wirklich sehr elegant.“, spottete er, nachdem ich wieder einmal an ihm vorbei gesegelt war.

„Keine Angst, du kriegst dein Fett schon noch weg.“, sagte ich, als ich mich mit meinem Brett auf dem Weg fort vom Strand machte.

Diesmal erwischte ich eine gute Welle. Ich schaffte es gut mein Gleichgewicht zu halten, während Eddy direkt neben mir war.

Jetzt oder nie, dachte ich als ich mich von meinem Brett abstieß.

Endlich klappte es.

Ich traf ihn und zusammen landeten wir im Wasser, wo sofort eine Welle über uns zusammenbrach. Für einen Moment verlor ich vollkommen die Orientierung. Ich wurde unkontrolliert durch das Wasser gewirbelt, um mich herum war alles voller Luftblasen.

Ich konnte nicht erkennen wo der Grund war, oder wo sich die Oberfläche befand. Wie wild schlug ich um mich, bei dem Versuch die Oberfläche zu erreichen.

Endlich trafen meine Füße irgendetwas festes, so gut ich konnte stieß ich mich ab.  Mein Kopf durchstieß die Oberfläche, gierig sog ich die Luft in meine Lungen.

Jedoch war mir der Segen des freien Atmens nicht lange vergönnt. Aus dem Augenwinkel sah ich etwas buntes auf mich zufliegen.

Geistesgegenwärtig hob ich meine Hände vors Gesicht.

Keine gute Idee, wie sich herausstellte. Siedender Schmerz durchzog meine rechte Hand, als der Gegenstand darauf traf. Ich wurde wieder unter Wasser gedrückt und ich war mir sicher, dass mein Blickfeld nicht nur wegen des Wassers verschwommen war. Panisch versuchte ich wieder an die Oberfläche zu gelangen, die schmerzende Hand dicht an meinen Körper gepresst.

Plötzlich spürte ich wie jemand mich unter den Armen fasste und begann mich durchs Wasser zu ziehen. Mein Kopf kam wieder an die Oberfläche, das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit war ich froh, wieder Luft in meinen brennenden Lungen zu saugen. Die Schmerzen, die von meiner Hand ausgingen lähmten mich noch immer, darum ließ ich mich so lange ziehen, bis ich wieder Boden unter den Füßen spürte.

„Okay, es reicht danke.“, schnaufte ich und schon ließen die Arme mich los. Ich richtete mich auf und betrachtete erst einmal meine schmerzende Hand. Durch den Handschuh war nicht viel zu erkennen, aber ich glaubte ein paar rote Flecken in dem Verband erkennen zu können.

„Geht es dir gut? Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“, sagte Eddy. Besorgt schaute er mich an. Er musste sich ziemlich angestrengt haben, da er sehr schwer atmete.

„Ja, mir geht es so weit gut.“, antwortete ich, als ich wieder zu Atem gekommen war.  „Nur meine Hand tut höllisch weh, irgendwas hat mich getroffen. Ich glaube es war eines der Surfbretter.“, erklärte ich.

„Die Bretter!“ Eddy zuckte zusammen. Einen Moment suchte er das Meer ab, dann stürzte er ins Wasser. Glücklicherweise waren die beiden Bretter nicht allzu weit von uns entfernt, sodass Eddy sie schnell wieder eingesammelt hatte. Mit fiel auf, dass er das kürzere Brett zuerst holte, obwohl das andere viel näher gewesen wäre. Während er die Surfbretter vor dem Abtreiben bewahrt hatte, war ich schon weiter zum Strand gegangen, die verletzte Hand noch immer an mich gepresst. Der Schmerz ließ langsam nach, dafür ging jedoch ein unangenehmes puckern durch die Hand.

„Entschuldige, aber ich wollte die Bretter nicht einfach so abtreiben lassen.“, erklärte Eddy, nachdem er zum Strand zurückgekehrt war.

„Schon ok.“, winkte ich ab.

„Dann sollten wir uns jetzt erst einmal deine Hand anschauen. Am besten wir gehen zum Auto zurück, da haben wir auch neues Verbandsmaterial.“, schlug er vor.

„So machen wir es.“, stimmte ich ihm zu. Wir trockneten uns noch ein wenig ab, bevor wir uns mit einem Surfbrett auf den Weg zurück machten.

„Dann zeig mal her.“, forderte Eddy mich auf,  als wir wieder im Auto saßen.  Bereitwillig hielt ich ihm meine Hand hin. Vorsichtig begann er das Tape zu lösen und den Handschuh abzuziehen. Als der Gummihandschuh ab war, war deutlich zu erkennen, dass die Wunden wieder angefangen hatten zu bluten. Überall hatten sich rote Flecken gebildet.

„Autsch. Das sieht nicht so gut aus.“, kommentierte Eddy das Bild, welches sich uns bot.

„Nicht wirklich.“, pflichtete ich ihm bei. Als wir den Verband entfernt hatten, bestätigte sich unser Verdacht. Zahlreiche Wunden waren wieder aufgebrochen und hatten erneut begonnen zu bluten.

„Dumm gelaufen.“, sagte ich. Die Schmerzen hatten schon gut nachgelassen, darum konnte ich diesen Rückschlag etwas nüchterner betrachten

„Immerhin war es ein richtiger Volltreffer. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass du schon wieder so nah an mir dran warst. Der Punkt geht eindeutig an dich.“, witzelte er, ein aufmunterndes Lächeln zierte sein Gesicht.

„Zu viel der Ehre, so oft wie ich an dir vorbeigesegelt bin, zählt dieser eine Treffer wohl nichts.“, wandte ich ein, während wir die Hand neu verbanden. Als der neue Verband saß, streiften wir auch gleich wieder einen Handschuh darüber und befestigten ihn.

„Ich denke es ist besser, wenn du die Hand jetzt erst ein wenig schonst.“, riet Eddy. „Wir können ja schon mal das Zelt aufbauen und die Sachen für heute Abend herrichten.“, schlug er vor und so taten wir es dann auch.

Zuerst bauten wir das Zelt auf, wobei Eddy die meiste Arbeit machen musste, da ich mit meiner linken Hand keine große Hilfe war. Danach brachten wir die Schlafsäcke und Taschen ins Zelt, bevor wir zu guter Letzt eine Feuerstelle herrichteten, an der wir am Abend die mitgebrachten Bratwürste grillen wollten.

„Fertig.“, erschöpft setzte ich mich in den Sand neben unsere aus Steinen gebastelte Feuerstelle. Das Brennholz hatten wir uns am Campingplatz gekauft.

„Endlich.“, fügte Eddy an und setzte sich neben mich.

„Haben wir das schon einmal hinter uns gebracht. Wie geht es deiner Hand?“, fragte er.

„Schon besser, Schmerzen habe ich fast keine mehr und ich glaube die Blutung hat auch nachgelassen.“, erklärte ich.

„Na das klingt doch gut.“, sagte er.

„Habe ich mich eigentlich schon bei dir bedankt?“, fragte ich, in etwas ernsteren Ton.

„Wofür?“, verwirrt schaute er mich an.

„Dafür, dass du mich aus dem Wasser gezogen hast. Ich weiß nicht, ob ich ohne dich da so gut wieder raus gekommen wäre.“

„Ach, das war doch nichts.“, verlegen lächelte er. Einmal mehr wurde mir klar, wie unglaublich schön er war. Meine Gefühle begannen überzukochen.

Mein Herz schlug plötzlich wie verrückt. Das Verlangen in mir ihn zu küssen war unbeschreiblich. Nervosität machte sich in mir breit. Sollte ich es tun?

„Doch, nicht jeder hätte so gut reagiert wie du.“, krächzte ich mehr, als das ich es sagte.

Oh Gott, irgendwas muss jetzt passieren, ansonsten merkt er noch was los ist. Abrupt stand ich auf und ging zum Meer.

„Alles klar mit dir?“, fragte er.

Schon wieder sorgte er sich um mich.

„Ja, ich will mich nur mal kurz abkühlen, mir ist gerade so warm.“, erklärte ich.

Vielleicht konnte das kalte Wasser ja meine Gefühle abkühlen.

„Da komme ich doch glatt mit.“, sagte er und folgte mir.

Ich tauchte in das kühle Wasser und hoffte, wieder klare Gedanken fassen zu können.

Doch es half nichts. Das Verlangen ihn zu küssen beherrschte nach wie vor jeden meiner Gedanken.

Wenn ich nur nicht so feige wäre, würde ich es einfach tun, verfluchte ich mich selber.  Noch immer zerrissen von meinem Verlangen ihn zu küssen und meinem Verstand, der mir davon abriet es zu tun, tauchte ich wieder auf. Es wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn das kalte Wasser etwas verändert hätte.

Plötzlich tauchte Eddy genau vor mir auf. Wieder überkam es mich.

Alles war so verdammt wundervoll, das Rauschen der Wellen, die angenehme Wärme und dann noch dieser perfekte Junge. Zu allem Überfluss hatte er wieder dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht.

Das brachte das Fass in mir zum Überlaufen. Die Dämme, welche das Verlangen zurückhielten, brachen, eine Welle von Gefühlen brach über meinen Verstand herein und schaltete ihn ab.

„Was soll schon passieren?“, mit diesem Gedanken schob ich alle Zweifel beiseite.

Dann küsste ich ihn.

 

 

Ich bin mir bewusst wie gemein dieser Cliffhänger ist, aber so ein bischen Spaß muss man sich ja auch mal erlauben 🙂

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Italien 6.2

Hier nun der zweite Abschnitt vom sechsten Teil, viel Spaß beim Lesen 😉

Gruß

John

 

Genüsslich verschlang ich die Reste meines Spaghetti-Eises, welches ich mir zum Nachtisch gegönnt hatte. Im Nachhinein war es eine gute Entscheidung gewesen nicht alleine im Wohnwaggon zu essen, sondern eines der Restaurants der Einkaufspassage aufzusuchen. Nachdem ich mir als Hauptspeise eine Pizza mit Thunfisch gegönnt hatte, gab es zum Nachtisch ein kleines Spaghettieis. Da meine Eltern einkaufen gefahren waren, damit wir genügend Verpflegung für die kommenden Tage hatten, hatte ich mich entschieden hierher zu kommen.

Es tat gut auf der Dachterrasse des Restaurants zu sitzen, von wo ich in Ruhe das Treiben auf der Straße beobachten konnte. Allerdings war ich nicht der einzige, der diesen Platz für sich entdeckt hatte. Das Restaurant war voll mit Urlaubern, jeder Tisch war besetzt. Es war schön unter Menschen zu sein. Nachdem ich den gesamten gestrigen Tag damit zugebracht hatte meinen eigenen Gedanken nach zu hängen, wollte ich den heutigen Tag nicht wieder so zubringen. Hier hatte ich genug Ablenkung, obwohl auch diese natürlich nicht ausreichte um zu verhindern, dass meine Gedanken immer wieder zu Eddy zurück wanderten. Ich hielt auch heute an meiner Entscheidung fest meine Gefühle zu Gunsten einer Freundschaft zurück zu halten. Allerdings hatte sich im Verlauf des Morgens irgendwie eine verrückte Idee in meinem Kopf gesetzt. Nach wie vor wollte ich mit jemanden über meine Gefühle und meine Unsicherheit reden, doch meine Freunde waren dafür viel zu weit weg. Seit ich heute Morgen aufgewacht war, spielte ich mit dem Gedanken mit meinem Vater darüber zu reden. Ich wusste zwar, dass es für die meisten Väter weitaus schwieriger war damit umzugehen, aber ich hatte zu ihm ein viel besseres Verhältnis als zu meiner Mutter. Da ich nicht damit rechnete, dass meine Gefühle nach diesem Urlaub endeten, würde ich sowieso früher oder später mit meinen Eltern darüber reden müssen. Denn wenn es wahrscheinlich auch nicht Eddy sein würde mit dem ich eine Beziehung eingehen würde, so würde es irgendwann  bestimmt einen Jungen geben, mit dem ich bereit war diesen Schritt einzugehen. Ich glaubte an das alte Motto: Auf jeden Topf passt ein Deckel. Ich bildete da wahrscheinlich keine Ausnahme, auch wenn es natürlich schwieriger war jemanden zu finden. Was sollte mein Vater auch schon groß machen? Mich hier sitzen lassen? Nein, ich wusste, dass meine Eltern mich liebten und auch wenn es im ersten Moment ein Schock für sie sein würde, so könnten sie mich niemals dafür verstoßen, da war ich mir sicher. Also war jetzt nur noch die Frage, wie ich es am geschicktesten anstellen sollte. Es einfach frei heraus sagen oder mich langsam herantasten und erst einmal seine Reaktionen abwarten? Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sobald ich eine Frage für mich selber beantwortet hatte zehn weitere auftauchten. Das Leben wäre ja auch langweilig, wenn es leicht wäre. Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln. Ein Kumpel von mir, der es, seit ich denken kann nicht leicht gehabt hatte, hatte diesen Satz immer gesagt. Ich bewunderte es, wie er  es schaffte nach jedem Rückschlag wieder aufzustehen und mit einem Lächeln weiter zu machen. Vielleicht sollte ich mir von ihm eine Scheibe abschneiden, verkehrt wäre das sicher nicht. Satt und zufrieden schob ich den leeren Eisbecher von mir weg.

Sehr gut.

So lecker hatte ich schon lange nicht mehr gegessen. Es dauerte nicht lang, da stand eine Bedienung neben mir und fragte, ob ich noch etwas haben wollte. Ich schaute mich einmal kurz um und stellte fest, dass es noch immer sehr voll war. Immer wieder tauchten am Eingang Menschen auf, die enttäuscht abzogen, als sie bemerkten, dass alle Tische besetzt waren. Bevor die Kellnerin noch auf die Idee kam mich freundlich darum zu bitten den Tisch für neue Gäste zu räumen, bestellte ich mir noch ein Cola. So lange ich noch etwas vor mir hatte, würde niemand auf die Idee kommen mich weg zu schicken. Kurz nachdem die Kellnerin gegangen war, tauchte Mädchen an meinem Tisch auf.

Für eine Sekunde hielt ich sie für eines der Mädchen die wir der Disco kennengelernt hatten und welche mir indirekt die verbundene Hand eingebracht hatten.  Allerdings hatte sie kaum Ähnlichkeit mit Maike oder  Lea.

Sie hatte feuerrotes Haar, ihr hübsches Gesicht zierte ein verlegenes Lächeln. „Entschuldigung,“, sprach sie mich an, „Darf ich mich zu dir setzen? Alle anderen Tische sind voll und ich dachte mir, dass du bestimmt nichts gegen ein bisschen Gesellschaft hast.“, erklärte sie mit schüchterner Stimme.

„Aber klar, setz dich ruhig. Ich brauche sowieso nicht so viel Platz.“, erwiderte ich.

„Danke. Ich heiße übrigens Caroline, aber Caro reicht völlig.“, stellte sie sich vor.

„Schön deine Bekanntschaft zu machen, ich heiße Ben.“, sagte ich. Ihre Art hatte etwas verführerisches und es kam mir für einen Augenblick so, als stecke hinter dem schüchternen Lächeln weitaus mehr, als sie offenbaren wollte. Auch die Tatsache, dass sie nur mit einem knappen Bikini und einem engen T-Shirt bekleidet umherlief, weckte in mir den Verdacht, dass sie nicht ganz so unschuldig war wie sie tat.

„Und wie lange bist du schon hier?“, fragte ich, während ich darauf wartete, dass die Bedienung mit meiner Cola zurück kam und Caro darauf wartete bestellen zu können.

„Zwei Wochen schon. Zwei weitere kommen noch. Ich bin mit einigen Freunden hier, wir machen erst einmal Urlaub, jetzt wo wir mit der Schule fertig sind. Und du?“

„Ich bin erst ein paar Tage hier. Ich bin leider noch nicht fertig, ein Jahr habe ich noch.“, erklärte ich, als ich von einem Kellner unterbrochen wurde, der mir meine Cola brachte. Nachdem Caro bestellt hatte, plauderten wir eine ganze Zeit weiter und unterhielten uns über dies und jenes. Als ich ihr erzählte, dass ich mit meinen Eltern hier war, erntete ich ein mitleidiges Lächeln und das Angebot, doch Abends mal bei ihr und ihren Freunden vorbei zu schauen, wenn mir langweilig werden würde.  Innerhalb der kurzen Zeit schaffte sie es mich in ihren Bann zu ziehen. Schon bald war ihre schüchterne Zurückhaltung wie weggewischt und ihre natürliche und durchaus anziehende Art kam zum Vorschein. Trotz allem hatte sie etwas geheimnisvolles an sich, dass sie für mich irgendwie interessanter werden ließ. Eine ganze Zeit brachten wir so zu und unterhielten uns gut, ich bestellte mir noch zwei Colas und sie war zwischenzeitlich in ihre Linguini mit Scampis vertieft gewesen. Jetzt wo sie fertig war, kam die Sprache wieder auf mich.

„Und gibt es in Deutschland jemanden, der auf dich wartet?“, fragte sie.

Überrascht musterte ich sie, mit so einer direkten Frage hatte ich von ihr gar nicht gerechnet. In ihrem Gesicht spiegelte sich unverhohlene Neugier. Doch noch etwas anderes lag in ihrem Blick, was ich nicht zu deuten vermochte. Nach einigem Zögern antwortete ich:

„Nein, es gibt niemanden der auf mich wartet. Wie sieht es bei dir aus? Wartet auf dich jemand? Oder ist einer deiner Freunde von hier doch mehr als nur ein Freund?“, fragte ich, doch schon im nächsten Moment war ich von mir selber überrascht. Warum fragte ich sie so etwas? Ich hatte doch kein wirkliches Interesse an ihr, oder etwa doch? Nein, ich war nur höflich sagte ich mir, auch auf die Gefahr hin, dass diese Frage einen falschen Eindruck vermitteln konnte.

Sie lächelte: „Nein, es gibt niemanden der auf mich wartet. Und die mit denen ich hier bin sind auch alle nur Freunde. Meine letzten Beziehungen waren irgendwie alle sehr enttäuschend, darum warte ich im Moment eher ab.“, erklärte sie, während sie mich aufmerksam ansah.

„Das kenne ich.“, hörte ich mich sagen „Mir ging es ähnlich. Meine letzte Beziehung war auch nicht das was ich mir vorgestellt hatte und seit dem hatte ich auch noch nicht wirklich wieder Lust auf eine neue. Aber ich will mal sehen, was dieser Urlaub so mit sich bringt.“, sagte ich und warf und warf ihr dabei einen Blick zu, der eindeutiger nicht hätte sein können.

Was tue ich da? Es kam mir so vor, als hätte ich nicht länger die Macht über meinen Körper, als folge er den Befehlen von jemand anderes und ich hätte nur noch eine Beobachterposition. Meine eigenen Worte schockierten mich. Gerade gestern war es doch gewesen, dass ich geglaubt hatte schwul zu sein und heute fing ich an mit einem Mädchen zu flirten? Das passte doch hinten und vorne nicht. Vielleicht war meine „Entscheidung“ vorschnell gewesen? Was wenn ich nicht bloß auf Jungs sondern auch teilweise auf Mädchen stand?

„Ben?!“, Caros Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

„Äh was?“ Entschuldige, mir ist da gerade etwas wieder eingefallen. Was hast du gesagt?“, fragte ich etwas verdattert. Ich war so in meine eigenen Gedanken vertieft gewesen, dass ich ihre Anwesenheit für einen Augenblick völlig vergessen hatte.

„Ich habe gefragt, ob du Lust hast mal etwas zu unternehmen? Mit meinen Freunden und mir?“, sie betonte das letzte Wort besonders.

„Ähm klar, wieso nicht? Ich weiß ja jetzt wo du wohnst, ich komme dann einfach irgendwann mal vorbei.“, stotterte ich. „Ich muss jetzt aber leider los, ich hab völlig vergessen, dass meine Eltern jetzt gleich mit mir weg wollten.“, log ich.

„Oh schade, ich hätte mich gerne noch ein bisschen mehr mit dir unterhalten. Aber gut, die Eltern sollte man nicht warten lassen.“, erwiderte sie mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck. „Du kommst doch mal vorbei oder?“, fragte sie. Ich hatte mich schon erhoben und zum Gehen gewandt. „Sicher, gerne.“, erklärte ich, ohne mich noch einmal umzudrehen. Ich ging schnell zu der Kasse im Eingangsbereich und zahlte, ehe ich das Restaurant verließ.

Als ich unten durch die Einkaufspassage ging glaubte ich ihre Blicke von der Terrasse aus in meinem Rücken spüren zu können.

Die Sicherheit die ich noch am Vormittag verspürt hatte war jetzt wie weggefegt.  Die Begegnung mit Caro hatte mich wieder zurück in mein Tal aus Verunsicherung gestoßen. Ich irrte zurück zu unserem Wohnwaggon, allerdings nahm ich ab und an eine falsche Abzweigung, so als hätte sich die Unsicherheit über meine Sexualität auf meinen Orientierungssinn übertragen. Zu Hause angekommen stellte ich fest, dass meine Eltern schon wieder da waren, zumindest stand die Eingangstür offen. Unser Auto war jedoch noch nicht wieder zurück.

„Hallo?!“ rief ich, als ich eintrat.

„Hallo.“, kam es von meinem Vater aus der Küche zurück. Er war gerade dabei die zwei riesigen Klappkörbe auszuräumen, die auf dem Küchentisch standen.

„Wo sind Mama und das Auto denn?“, fragte ich verwundert.

„Die wollte noch ein wenig durch die Stadt schlüren. Ich hatte keine Lust mehr, darum haben wir uns darauf geeinigt, dass ich sie mich hier mitsamt der eingekauften Sachen ablädt und ich die schon ausräume, während sie noch einmal fährt.“

„Achso.“ Ich ging zu ihm herüber und half ihm die Sachen auszupacken. Während wir Nudeln, Konserven und Getränke in die Schränke einsortierten, kam mir die Idee meine Vorsatz vom Morgen gleich jetzt in die Tat um zu setzen. Meine Mutter wäre noch einige Zeit weg, also hätten wir genug Zeit in Ruhe zu sprechen.

Plötzlich wurde ich nervös. Mein Herzschlag beschleunigte sich, meine Hände wurden schwitzig. Sollte ich es wirklich tun? Na los, mach schon. Wies mich eine innere Stimme an. In mir tobte ein wilder Kampf der Gefühle. Ich schob alle Zweifel und alle Hoffnungen bei Seite und holte tief Luft.

„Papa, ich muss dir etwas sagen.“, krächzte ich. Meine Stimme war kurz davor zu versagen.Mein Vater schaute mich erwartungsvoll an, das Marmeladenglas noch in der Hand. Ich schloss die Augen und holte erneut tief Luft. „Ich glaube ich bin….schwul!“, stieß ich mit letzter Kraft hervor. Das Gesicht meines Vater verzerrte sich, das Marmeladenglas fiel scheppernd zu Boden. Mit einem hellen Klirren zerbrach es in tausend Teile….

 

Entgeistert sah mich mein Vater an. Oh mein Gott, das war ein riesiger Fehler! Wie hatte ich nur so dumm sein können zu glauben, dass er das gut aufnimmt? Geschockt von seiner Reaktion starrte ich meinen Vater nur an. Ich war nicht in der Lage mich zu rühren oder irgendetwas zu sagen.

Ich wartete darauf, dass mein Vater irgendwie reagierte, aber auch er stand einfach nur da.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis sich seine Züge veränderten. Der entgeisterte Ausdruck verschwand und ein Lächeln trat an dessen Stellen. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Jetzt schaute ich ihn voller Verwunderung an.

„Ach ehrlich?“, sagte er. „Schön das du es auch endlich gemerkt hast.“

Jetzt klappte mir die Kinnlade herunter.

„Du….du…wusstest es?“, stammelte ich.

„Glaubst du denn ich sei doof?“, fragte er. „Meine Güte, das ist doch nichts schlimmes.“

Jetzt verstand ich die Welt nicht mehr. Wie hatte er es wissen können? Und warum hat er mich so böse angeschaut als ich es ihm gesagt habe? Erst langsam begriff ich seine letzten Worte.

„Du hast kein Problem damit?“, fragte ich erstaunt.

„Warum sollte ich? Du stehst auf Jungs, na und? Sorgen würde ich mir machen, wenn du mir gesagt hättest, dass du krank bist.“

„Aber warum hast du dann das Marmeladenglas fallen lassen und mich so böse angeschaut?“, fragte ich noch etwas verunsichert.

„Nun…“, er druckste etwas verlegen herum, „Weil ich mir deinen geschockten Gesichtsausdruck nicht entgehen lassen wollte.“

„Was?“, ungläubig starrte ich ihn an. „Du hast dir einen Spaß daraus gemacht? Ich mache mir hier unglaubliche Gedanken und du hast nichts besseres zu tun als mich reinzulegen?“ Ich konnte es nicht fassen. Natürlich war ich froh, dass mein Vater es so gut aufgenommen hatte, aber die Tatsache, dass er mich so hinters Licht geführt hatte nagte an mir.

„Entschuldige, ich wusste nicht, dass das so schwer für dich war.“, sagte er mir deutlicher Reue in der Stimme.

„Schon ok“, winkte ich ab. „Aber woher wusstest du es?“, fragte ich, während ich ihm half die Sauerei des zerstörten Marmeladenglases zu beseitigen.

„Ich weiß nicht.“, er zuckte mit den Schultern, „Ich hatte schon immer das Gefühl, dass du ein wenig anders bist. Es war einfach immer so eine Ahnung, woher die kam kann ich dir auch nicht sagen. Vielleicht spürt man das einfach bei seinen eigenen Kindern. Aber sicher bin ich mir erst hier geworden. Es war leicht zu erkennen, die Art und Weise wie du mit ihm umgegangen bist. Vor allem aber auch wie du ihn angesehen hast. Das war mehr als deutlich.“

„Wirklich?“, fragte ich überrascht. Wenn es für meinen Vater so offensichtlich war, war es für Eddy dann genauso deutlich gewesen?

„Ich fürchte ja. Und diese Aktion vorgestern: Niemand zieht sich solche Wunden zu, wenn er in einen Karton mit Gläsern fällt. So wie die Scherben in deiner Hand steckten, war klar, dass du hinein geschlagen hast. Die Frage ist nur warum? Es hat irgendetwas mit Eddy zu tun, liege ich da richtig?“, erwartungsvoll sah er mich an.

Gott, ich war ja quasi ein offenes Buch für meinen Vater. Immerhin kann ich mit ihm darüber reden. Diese Unterredung mit ihm verläuft viel besser, als ich es mir jemals hätte erträumen können.

„Ja, es hat etwas mit ihm zu tun.“ Ich entschied mich kurzer Hand ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Vielleicht konnte er mir ja einen Rat geben was zu tun war. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte, den Aufenthalt in der Disco. Das Zusammentreffen mit Maike und Lea, wie ich Eddy und sie beim Küssen beobachtet hatte und wie ich in dem Moment bemerkt hatte was mit mir los war. Er hörte mir aufmerksam zu, jetzt, wo ich fertig war, saß er nur da und schaute mich an. Ich wartete darauf, dass er etwas sagte, doch er blieb stumm. „Und, willst du gar nichts dazu sagen?“, fragte ich ihn.

„Mhh das ist jetzt natürlich eine schwierige Situation.“, erklärte er.

„Ich weiß.“, sagte ich etwas konstaniert.

„Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie ich es damals gemacht habe.“

„Wie du was damals gemacht hast?“, fragte ich. Gab es da etwas, was mein Vater mir nie erzählt hatte?

Er lächelte mich an. „Auch ich war mal in einen Jungen verliebt.“

„Ernsthaft?“, jetzt war ich wirklich überrascht.

„Ja, das war noch während der Schulzeit, im vorletzten Jahr. Er ging mit mir in dieselbe Klasse und irgendwann während der Proben  für unser Theaterprojekt, hatte es dann wohl gefunkt. Jedenfalls war ich wirklich Hin- und Weg von ihm. Nur hatte ich nie wirklich was mit ihm zu tun, also hatte ich keine Ahnung, ob er eine Freundin hatte oder sonst was. Für mich war jedoch klar, dass ich das nicht so auf mir sitzen lassen konnte. Ich wollte mehr über ihn erfahren, also nutzte ich jede sich mir bietende Gelegenheit um ihm nahe zu sein und ihn näher kennenzulernen.“

„Aber war das damals nicht komisch für dich? Ich meine für mich war das im ersten Moment total verwirrend.“, unterbrach ich ihn.

„Natürlich war es das.“, fuhr er fort. „Es war auch noch eine andere Zeit. Ich meine die Hippiebewegung kam gerade durch und die verschonte auch uns nicht. Das hatte allerdings auch Vorteile. Man begann gerade sich von dieser prüden Art zu lösen, zumindest die jüngere, also damals meine, Generation. Alle wollten neues ausprobieren und die Homophobie die zuvor geherrscht hatte, ging langsam zurück, auch wenn sie damals noch weit aus mehr ausgeprägt war, wie sie es heute ist. Ich war also anfangs noch hin- und hergerissen von meinen Gefühlen, zum einen hatte ich immer die Stimmen meiner Eltern im Kopf, wenn sie darüber redeten, wie schändlich und schlecht doch die Homosexuellen sein, zum anderen war da aber auch dieses Verlangen zu ihm. Irgendwann siegte dann das Verlangen und ich entschloss mich mich nicht länger von der herrschenden Homophobie beeinflussen zu lassen. Ich schaffte es tatsächlich ihm näher zu kommen und mir eine Freundschaft zu ihm auf zu bauen. Irgendwann unternahmen wir dann auch relativ viel zusammen, gingen schwimmen, fuhren Fahrrad, rauchten Gras, was man damals halt so machte.“

„Wie Bitte?!“, ich hatte mich wohl verhört. Hatte mein Vater, der mir sonst immer einbläute ich solle ja die Finger von jeglicher Art von Drogen lassen, mir gerade beiläufig erzählt, dass er damals selber andauern welche genommen hatte?

„Jaja, ich weiß, ich mache dir deswegen immer Vorhaltungen. Aber damals war das etwas anderes, wir wussten wo das Zeug herkam und dass es rein war. Außerdem haben es damals eigentlich alle gemacht und man konnte gar nicht anders als mit zu machen.“, erklärte er.

Ich schaute ihn noch immer tadelnd an. Bevor ich jedoch etwas sagen konnte, fuhr er fort:

„So, weiter in der Geschichte. Nach einiger Zeit waren wir dann so eng befreundet, dass wir auch oft Sachen alleine gemacht haben, also ohne immer unsere Freunde im Schlepptau zu haben. Einen Nachmittag waren wir dann bei ihm, hatten ein wenig gekifft,“, er schaute verlegen zur Decke, „und Musik gehört. Radio war damals ja für einen Teenager schon das höchste der Gefühle, einen eigenen Fernseher zu haben, konnte man sich damals nicht leisten. In der Zeit vor diesem Nachmittag sind meine Gefühle auch immer stärker geworden, je näher ich ihn kennen gelernt hatte, desto mehr hatte ich mich auch verliebt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zumindest schon herausgefunden, dass er keine Freundin hatte und zu der Zeit auch in kein Mädchen verliebt war. Naja, wir verbrachten also den Nachmittag mit Musik einen Joint, der sich gewaschen hatte. Mein Vorteil, dann so sank meine Hemmschwelle immer weiter. Ich hatte mich in der ganzen Zeit davor nicht getraut ihn zu fragen oder ihm etwas über meinen Gefühle zu sagen, doch an dem Nachmittag ließen mich das Verlangen nach ihm und der zugedröhnte Zustand in dem ich mich befand, alle Ängste über Bord werfen.

Ich lehnte mich also zu ihm herüber und er wich mir nicht aus.

Im Gegenteil.

Er schien ganz begierig darauf zu sein.

Wir küssten uns ziemlich lange. Mein erster Kurs mit einem Jungen, dass war schon ein komisches Gefühl. Nun ja, wir verbrachten dann noch einen sehr leidenschaftlichen Nachmittag.“

„Ok, danke, ich habe genug gehört.“, unterbrach ich ihn. Das Sexleben meines Vaters interessierte mich wahrlich nicht, auch nicht, wenn es schon viele Jahre her war.

„Was ist danach passiert?“, fragte ich. „Ich meine wart ihr dann zusammen, oder wie ist das damals gelaufen? Es wird ja trotz der aufkommenden Toleranz nicht einfach gewesen sein eine Beziehung zu führen, oder?“

„Nun mal langsam,“, bremste mein Vater mich. „Wir waren danach nicht zusammen. Genau genommen blieb es bei dem Ereignis am Nachmittag.“, er zögerte etwas.

„Warum? Was ist passiert? Hatte er sich gar nicht in dich verliebt?“, setzte ich die Befragung fort.

Die Geschichte meines Vaters hatte endgültig mein Interesse geweckt. Er hatte es in einer mehr als problematischen Zeit gewagt den ersten Schritt zu machen, da gehörte einiges an Mut zu, so viel stand fest. Und wenn mein Vater das damals schon gewagt hatte, dann konnte ich das heute doch erst recht.

„Doch, er war schon in mich verliebt.“, fuhr er fort. „Aber ich merkte, dass ich nie wirklich in ihn verliebt gewesen war. Es war für mich mehr ein Abenteuer gewesen. Ich hatte seine Art bewundert, dieses unglaubliche Selbstbewusstsein, diese Kühnheit sich mit allen und jedem anzulegen. Diese Eigenschaften hatten in mir eine tiefe Bewunderung zu ihm geschaffen, welche ich fälschlicherweise für Liebe gehalten hatte. Außerdem wurde mir klar, dass Jungs nicht wirklich mein Ding sind. Mädchen waren mir doch lieber, aber es ist eine Erfahrung, die ich bis heute nicht bereut habe.“

„Und was war danach mit ihm?“, fragte ich. Es überraschte mich, dass mein Vater seine zuvor erwähnten Gefühle jetzt einfach als bloße Bewunderung abtat.

„Mh, für ihn war das Ganze etwas schwieriger, denn er hatte sich wirklich in mich verliebt. Er war eine ganze Zeit lang sauer auf mich, aber nach ein paar Wochen hatte er sich wieder gefangen. Er war mir dann sogar dankbar, weil ich ihn dazu gebracht hatte, sich diese Gefühle überhaupt erst einzugestehen. Wir stehen sogar heute noch in Kontakt und bemühen uns mindestens einmal im Jahr zu telefonieren. Er befindet sich inzwischen in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft.“, erklärte mein Vater.

„Aber wie kann es sein, dass du für so lange Zeit geglaubt hast, dass du verliebt in ihn bist und plötzlich, als es so weit war, kam dieser Gefühlswechsel?“, fragte ich. Es kam mir sehr suspekt vor, dass man seine eigenen Gefühle so lange misinterpretieren kann.

„Ich weiß es nicht. Es hat mich damals genauso verwundert, wie dich heute. Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob ich nicht einfach kalte Füße bekommen habe, aber ich bin mir mittlerweile sicher, dass es daran nicht lag. Es war einfach wie es war, ich merkte, dass es nicht das Richtige für mich ist. Ich fand es damals besser gleich einen Schlussstrich unter die Sache zu ziehen, auch wenn es mir seinen Ärger eingebracht hat. Schon in der ersten Zeit wurde mir klar, dass diese Entscheidung richtig war. Wenn ich ihn fortan ansah, fühlte ich zwar noch Bewunderung, aber kein Verlangen mehr. Auch sonst blieben andere Männer für mich vollkommen uninteressant.  Nun ja, als ich dann ein halbes Jahr später deine Mutter kennenlernte, war der Fall ohnehin klar.“

„Hast du ihr eigentlich jemals davon erzählt?“

„Nein.“, er zuckte mit den Schultern. „Irgendwie habe ich nie eine Notwendigkeit darin gesehen es ihr zu erzählen und sie hat mich nie nach so etwas gefragt.“

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ausgerechnet du mal eine solche Phase hattest.“, sprach ich meine Verwunderung offen heraus.

„Warum, was ist daran so besonders?“, fragte er.

„Naja, du bist immer so korrekt. Du versuchst immer so Gesellschaftskonform wie möglich zu sein und bloß nicht aufzufallen, da verwundert es schon, dass du jetzt von so einer Vergangenheit berichtest.

„Nun mach aber mal halblang.“, mein Vater wollte mich gerade zurechtweisen, als er von meiner Mutter unterbrochen wurde. Sie war in eben jenem Moment in der Tür aufgetaucht, beladen mit zwei Einkaufstüten, welche offensichtlich aus Kleidungsgeschäften stammten.

„Worüber streitet ihr denn schon wieder?“, fragte sie und schaute uns erwartungsvoll an.

„Über gar nichts.“, antworteten wir im Chor, was den misstrauischen Blicken meiner Mutter nicht gerade abträglich war.

„Wir haben uns nur unterhalten.“, erklärte mein Vater. Da er diese Antwort gab, ließ meine Mutter es dabei beruhen. Sie ging in Richtung Schlafzimmer und begann zu schwärmen, was für wundervolle Kleider sie doch gefunden hatte. Ich warf meinem Vater einen fragenden Blick zu, doch dieser schüttelte nur den Kopf und murmelte „später“. Dies hatte meine stumme Frage an ihn, ob ich auch noch mit meiner Mutter reden sollte beantwortet, also ging ich auf mein Zimmer. Mein Vater war also der gleichen Meinung wie ich, es wohl besser noch zu warten.

In meinem Zimmer ließ ich mich erst einmal auf mein Bett fallen.

Was für ein Tag. Er hatte einige Überraschungen für mich bereit gehalten. Erst die Begegnung mit Cora und anschließend dieses sensationelle Gespräch mit meinem Vater. Ich hatte in meinen kühnsten Träumen nicht damit gerechnet, dass er so gut darauf reagiert. Wenn mir irgendjemand erzählt hätte, dass er mir auch noch so eine Story erzählt, den hätte ich wohl für verrückt erklärt.

Damit hatte ich mein erstes Coming-Out hinter mich gebracht und durch das Gespräch mit meinem Vater ein weiteres Stück Sicherheit gewonnen, dass diese Gefühle die ich hatte vollkommen in Ordnung waren. Das Gespräch mit meiner Mutter hatte noch Zeit, vielleicht würde ich es auch erst dann suchen, wenn ich irgendwann einen Freund hatte. Jetzt konnte ich mich auf einen schönen morgigen Tag mit Eddy freuen. Das Wetter sollte gut werden, also stand einem Tag am Strand und am Wasser nichts mehr im Wege.

Zumindest fast.

Ich warf einen besorgten Blick auf den Verband. Hoffentlich waren die Wunden schon so gut verheilt, dass ich damit ins Wasser konnte. Schicht um Schicht löste ich den schützenden Stoff von meiner Haut. Immerhin war der Verband kaum noch blutig.

Ich zögerte einen Moment bevor ich die letzte Lage entfernte. Der Anblick der mich erwartete, entschied darüber, ob ich bald wieder ins Wasser konnte oder nicht.

Als ich die letzte Bahn entfernte, atmete ich auf.

Die Wunden waren schon gut verheilt. Überall bildete sich neue, rosafarbende Haut. Keine schien mehr zu bluten. Auch wenn die neue Haut noch sehr empfindlich aussah, wagte ich es meine Hand ein bisschen zu bewegen. Sie wurde arg strapaziert, aber keine der Wunden riss wieder auf.

Dennoch, für größere Aktivitäten würde das wohl noch nicht reichen. Enttäuscht schaute ich auf die Verletzungen, so würde ich noch nicht ins Wasser gehen können. Ich musste mich also damit begnügen Eddy vom Strand aus zuzusehen, wie er sich im Wasser austobte. Ich nahm die kleine Tasche mit neuem Verbandszeug von meinem Nachtschrank und versuchte mir einen neuen Verband zu machen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, rief ich meine Mutter herbei, damit sie mir behilflich war. Als der neue Verband angelegt war, fragte sie ob wir nicht eine Runde Boule spielen wollten. Da Eddy noch immer nicht wieder da war und mir auch sonst keine gute Beschäftigung für den restlichen Tag einfiel, stimmte ich zu, unter der Vorraussetzung, dass meine Eltern auch jeweils ihre schwache Hand benutzen mussten.

Erstaunlicherweise hatten wir sogar viel Spaß dabei und auch der anschließende Gang zur Eisdiele verlief angenehm. So fiel ich abends mit einem sehr guten Gefühl in mein Bett und es dauerte auch nicht lange, bis ich eingeschlafen war. Es war einfach ein durch und durch guter Tag gewesen.

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Italien, 6.1

Da ich gerade festgestellt habe, dass der sechste Teil doch sehr lang ist, habe ich mich entschlossen ihn in zwei Teile zu packen, den ersten könnt ihr hier und heute lesen:)

Der nächste folgt irgendwann in den kommenden Tagen. Der Anfang des Teils könnte eventuell etwas verwirrend sein, doch lasst euch davon nicht verunsichern, ich denke nach wenigen Minuten wird sich das legen;)

Viel Spaß beim Lesen,

lieben Gruß

John

„Danke das du mitgekommen bist.“, meine Mutter schaute mich dankbar an.

„Mache ich doch gerne, schließlich wollte ich das Kolosseum schon immer mal sehen.“, erklärte ich, obwohl ich genau wusste, dass meine Mutter etwas anderes meinte.

„Nein, dass du allgemein mitgekommen bist. Ich weiß das du lieber mit deinen Freunden unterwegs gewesen wärst.“, sagte meine Mutter. Sie schnitt damit ein Thema an, über das ich noch immer nicht gern redete, denn es fiel mir genauso schwer wie ihnen. Obwohl es jetzt schon über ein halbes Jahr her war, bereitete die Erinnerung an jenen Tag noch immer Schmerzen.

„Ich glaube es war das Beste für uns alle, dass wir das noch einmal zusammen gemacht haben.“, antwortete ich. Während am Fenster des Autos die Landschaft Italiens vorbeirauschte, kehrten die Bilder des verfluchten Nachmittags in meinen Kopf zurück. Meine Augen fielen zu, ein schwarzer Vorhang legte sich über die Welt, als eine neue in meinem Kopf auftauchte.

„Aber du hast es versprochen!“ wütend und enttäuscht schaute Robin mich an. Die Hände in die Hüften gestemmt, stand er in meiner Zimmertür. Es fiel mir schwer sein großen Hundeaugen zu wiederstehen, die es so oft schafften seinen großen Bruder zu überreden.

„Ich weiß Robin, es tut mir Leid, aber es geht heute einfach nicht. Ich hatte gedacht ich werde rechtzeitig mit meinen Hausaufgaben fertig, aber unsere Lehrerin hat uns einfach zu viel aufgegeben.“

„Nicht einmal eine Stunde?“, flehte er weiter. Auch wenn er erst 13 war, wusste er genau wie er mich überzeugen konnte.

„Nein.“, blieb ich hart. „Wir machen es im Laufe der Woche, wenn ich weniger zu tun habe.“, versprach ich.

„Dann liegt doch gar kein Schnee mehr. Komm schon ein Rennen, du kannst doch danach weiter machen.“

„Nein Robin, heute nicht!“, langsam wurde ich genervt. Ich hatte noch viel zu tun und je länger er mich jetzt aufhielt, desto weniger Schlaf würde ich heute Nacht bekommen, weil ich  die Aufgaben noch fertig machen musste.

„Dann gehe ich halt alleine.“, sagte er beleidigt.

„Du weißt genau so gut wie ich, dass ich dich nicht alleine am Fluss lassen darf. Mama und Papa haben es extra noch einmal gesagt, als sie gefahren sind.“

„Warum soll ich denn hier bleiben, nur weil du nicht mitkommen willst, dass ist nich fair!“.

„Ich weiß, dass das nicht fair ist, aber es ist sonst einfach zu gefährlich.“

„Ich bin doch vorsichtig, außerdem ist Nils doch auch dabei. Ich verrate es Mama und Papa auch nicht. Die wollten eh erst gegen Zehn Uhr wieder da sein und ich bin spätestens um Sechs Uhr wieder da.“, versuchte er weiter mich zu überreden.

Die Tatsache, dass Nils, sein bester Freund, mitkam, beruhigte mich ein wenig. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm versprochen hatte heute noch einmal mit ihm ein Rennen am Viperberg zu fahren, aber das Versprechen jetzt brechen musste. Wenn er wenigstens mit Nils dahin konnte, wäre er nicht ganz so traurig und ich könnte in Ruhe meine Aufgaben fertig machen.

Ich wägte einen Moment das Risiko, dass unsere Eltern herausfinden könnte, dass ich ihn alleine gehen ließ gegen die Aussicht auf einige ruhige Arbeitszeit ab.

„Also gut.“, gab ich widerwillig nach. „Du bist um Sechs Uhr spätestens wieder da und der Fluss ist absolute Tabuzone! Versprochen?“, mahnte ich.

„Versprochen!“, sagte er und strahlte mich an, bevor er fluchtartig den Raum verließ. Ich hörte wie er nach unten stapfte, sich in aller Eile seine dicken Sachen anzog und dann schnell nach draußen in den Schnee verschwand. Zufrieden und glücklich endlich etwas Ruhe zu haben lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück. Kurz darauf widmete ich mich schon wieder meinen Englischaufgaben.

Eine halbe Stunde später riss das Klingeln meines Handys mich aus meiner Konzentration. Einen Moment regten sich in mir Befürchtungen, was wenn es meine Eltern waren und sie Robin sprechen wollten?

„Jaa?“, fragte ich zögernd ins Handy.

„Hey Eddy!“, erleichtert vernahm ich die Stimme meiner besten Freundin.

„Hallo Kathi. Was gibt es?“

„Was machst du gerade?“, kam die Gegenfrage. Sie liebte es auf gestellte Fragen nicht einzugehen.

„Diesen elendigen Riesenhaufen an Englischaufgaben, warum?“, fragte ich.

„Dachte ich es mir doch. Dann wird es dich bestimmt freuen zu hören, dass eben eine Email von Frau Steinhauer kam, dass sie wahrscheinlich die ganze Woche krank ist und wir die Aufgaben somit erst nächste Woche wieder brauchen.“, erklärte sie.

„Wirklich?“, fragte ich ungläubig.

„Ja, ne. Glaubst du ich rufe dich an, nur um dich zu verarschen?“, fragte sie mit einem Lachen.

„Das ist mal cool. Dann kann ich mein Versprechen ja doch noch halten.“, stellte ich erfreut fest.

„Was für ein Versprechen?“, fragte sie.

„Ach ich habe Robin versprochen heute mit ihm noch ein Rennen vom Viperberg zu machen, da wusste ich aber noch nicht wie viel das in Englisch ist, also ist er eben alleine losgezogen.“

„Boah, du und Robin, ihr seid echt unzertrennlich. Ich versteh nicht, wie du dich so gut mit deinem kleinen Bruder verstehen kannst. Meine kleine Schwester geht mir eigentlich immer nur auf die Nerven, andauernd zoffen wir uns. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass du dich jemals mit Robin gestritten hast.“, sagte sie, auch wenn wir dieses Thema schon tausende Male gehabt hatten. Jeder aus unserem Freundeskreis wunderte sich darüber, dass ich so gut mit Robin zurecht kam. Die meisten wollte nicht mit ihren kleineren Geschwistern zu tun haben, aber bei mir und Robin war das schon immer anders gewesen. Vom Tag seiner Geburt, hatte ich den Jungen mit den großen braunen Kulleraugen in mein Herz geschlossen und mich immer gut um ihn gekümmert. Ich konnte es mir gar nicht vorstellen, ein anderes Verhältnis zu ihm zu haben. Das diese Verbindung auch nach 14 Jahren noch so gut hielt, war zwar auch für mich manchmal etwas verwunderlich, aber ich war froh darüber, vor allem da wir immer gegen unsere Eltern zusammen hielten.

„Ja, unser Verhältnis ist schon sehr speziell, das gebe ich wohl zu. Auf jeden Fall danke für deinen Anruf, ich werde jetzt mal sehen, dass ich hinter Robin hinterher komme, schließlich sollte ich ihn ja eigentlich sowieso nicht alleine raus lassen.“

„Na dann wünsche ich euch viel Spaß und grüß den Kleinen von mir. Ciao.“, sagte sie.

„Mache ich, wir sehen uns Morgen.“, verabschiedete ich mich und legte auf. Erfreut von der Last befreit zu sein, klappte ich mein Englischbuch zu und begann meine Wintersachen zusammen zu suchen. Kurze Zeit später verließ ich das Haus und machte mich auf den Weg zum Viperberg, um meinem kleinen Bruder eine schöne Überraschung zu bereiten…

Ich stapfte durch den tiefen Schnee, der sich innerhalb der letzten Wochen angesammelt hatte. Den großen schwarzen Reifen zog ich an einem Seil hinter mir her. Dunkle Wolken hingen schwer am Himmel, dicke Flocken wirbelten umher und setzten sich auf meiner Kleidung und meinem Gesicht fest. Ich zog die Jacke etwas enger zu, die kalte Luft schlug mir ins Gesicht. Davon, dass es diese Woche wieder bis zu 7° C werden sollten, bemerkte man noch nichts. Schnell fiel unser Haus hinter mir zurück, alleine und verlassen lag es am Ende dieses Feldweges, der durch den ganzen Schnee kaum noch zu sehen war. Nur die Rillen der Autoreifen verrieten, wo der Weg war. Einmal mehr fiel mir auf, dass wir großes Glück hatten, dass unser Auto noch immer den Weg durch den Schnee schaffte. Wann immer uns jemand im Winter besuchte, dauerte es nicht lange, bis die ganze Familie mit Schneeschaufeln bewaffnet ausziehen musste, um das Auto zu befreien. Nachdem ich ungefähr die Hälfte des Feldweges hinter mich gebracht hatte, sah ich im Schnee die kleinen Fußspuren meines Bruder, die nach links den Berg hinaufführten. Ich folgte den Spuren den Berg hinauf, von dem aus wir immer unsere Rennen machten. Ein wenig ausser Atem erreichte ich die Spitze des Hügels, von dort aus führte eine lange gerade Piste hinunter ins Tal. Die Wiese die sonst als Weide für die Kühe des benachbarten Bauern diente, war im Winter der Spielplatz für zahlreiche Familien. Der Viperberg war ein beliebtes Ziel für die Rodler der Umgebung. Dort wo sich normalerweise ein paar Hundert Menschen tumelten, waren heute nicht mehr als 30 Leute zu finden. Auf der linken Seite wurde die Wiese durch einen Fluss begrenzt, auf dem jetzt eine dicke Schnee-, und Eisdecke lag. Ich suchte zwischen den Menschen meinen kleinen Bruder, aber ich konnte ihn nirgendwo entdecken, die Entfernung war zu groß. Auch seinen schwarzen Reifen konnte ich nirgends finden, also beschloss ich die Entfernung mit Hilfe meines Reifen zu überbrücken. Mein Reifen hüpfte auf und ab auf dem Weg nach unten, so als würde er versuchen mich abzuwerfen. Allerdings kannte ich die Strecke schon zu gut und so schaffte ich es allen größeren Unebenheiten auszuweichen.

Auf dem Weg nach unten hielt ich weiter nach meinem kleinen Bruder Ausschau. Endlich entdeckte ich seine auffällige hellblaue Jacke. Entsetzt blieb mir die Luft weg, als ich sah, was er gerade im Begriff war zu tun. Ich war so starr, vor Schreck, dass ich einen kleinen Hügel übersah. Ich wurde mit meinem Gefährt in die Luft geschleudert, ich versuchte noch den Reifen so unter Kontrolle zu bringen, dass ich gerade wieder aufkam, aber es gelang nicht.

Seitlich landete ich wieder auf der Piste, um im nächsten Moment im kalten Schnee zu langen. Ich überschlug mich noch einige Male, bevor ich endlich ruhig zum Liegen kam. Ohne auf meine schmerzende Schulter zu achten, die ich mir beim Aufprall irgendwie verletzt haben musste, stand ich auf und lief den Hügel weiter hinunter. Mein Auftritt erregte die Aufmerksamkeit der Erwachsenen, die hier herumliefen. Verwundert sahen sie mich an, doch ich setzt unbeirrt meinen Weg zum Flussufer fort. Aus voller Kraft rief ich Robins Namen, doch er schien mich nicht zu hören, ich sah, wie er immer weiter auf die Eisdecke des Flusses ging.

„Eddy!“, energisch rüttelte mein Vater an meiner Schulter.

Verwirrt öffnete ich die Augen:

„Was ist los?“, fragte ich, in die besorgten Gesichter meiner Eltern schauend.

„Ist alles Ok? Du hast mal wieder geträumt.“

„Jaa, geht schon.“, antwortete ich, Schmerzen durchzogen meinen Körper, als die letzten Bilder in meinem Kopf verblassten.

„Ich weiß, dass es dir nach wie vor schwer fällt und das du dir die Schuld an dem Geschehenen gibst, aber es wird Zeit, dass du begreifst, dass du nichts dafür konntest.“, erklärte meine Mutter verständnisvoll.

Dankbar schaute ich sie an, auch wenn die Worte nichts an meinen Gefühlen ändern würden. Wenn ich damals anders gehandelt hätte, wäre es vielleicht nicht so gelaufen, wie es das letztendlich ist. Ich schaute aus dem Fenster nach draußen, wir befanden uns inzwischen auf einer vielbefahrenen Straße, vor uns lag die Skyline Roms. Ich sah die zahllosen antiken Gebäude, die weit über die anderen Dächer heraus ragten. Aus der Ferne bewunderte ich die Steinsäulen oder die geschwungenen Kuppeln, jene Relikte, welche an die glorreichsten Zeiten der Stadt erinnerten. Ich freute mich darauf endlich mal die Stadt zu besichtigen, die ich schon seit einigen Jahren hatte sehen wollen.

Wir fuhren zu einem Parkplatz etwas außerhalb der Stadt und stellten das Auto dort ab. Von hier aus sollten es, laut Stadtplan, nur einige Minuten Fußweg zu den belebten Teilen der Stadt sein.

Neugierig schaute ich mich um, während wir durch die Straßen Roms wanderten und sog alle kulturellen Eindrücke in mich auf. Doch so interessiert ich auch an dieser Stadt war, sie konnte nicht verhindern, dass meine Gedanken wieder begannen abzuschweifen. Nur dieses Mal zog es sie nicht zu den schmerzhaften Erinnerungen an den Beginn des Jahres zurück. Vielmehr beschäftigten mich die letzten Tage. Die Art und Weise wie dieser Urlaub sich entwickelt hatte, war für mich vollkommen überraschend gewesen.

Ursprünglich war dieser Urlaub nur dazu gedacht gewesen ein altes Kapitel unserer Familiengeschichte endlich zu beenden und nach dem Urlaub ein neues zu beginnen.

Ich durch mein Studium und meine Eltern durch die Frührente meines Vaters.

Dass dieser Urlaub besonders spaßig und überhaupt nicht langweilig werden konnte, daran hatte ich keine Sekunde gedacht. Diese Vorstellung war mir immer viel zu abwegig erschienen.

Doch mit Ben hatte sich das alles geändert. Schon als ich ihn das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass er diesen Urlaub zu etwas besonderen machen würde. Ich freute mich darüber Zeit mit ihm zu verbringen und Späße zu treiben.

Durch ihn wurde dieser Urlaub wie die vielen davor  und er schaffte es mich wieder in einen Zustand des Glückes zu versetzen, von dem ich geglaubt hatte ihn nie wieder zu erreichen.

Es war schön mal wieder eine unbeschwerte Zeit fast ohne Sorgen zu erleben. Dieser Urlaub war mehr als nur eine Flucht vor dem Alltag, er war für mich eine Flucht vor Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und Unsicherheit. Auch wenn ich bisher immer gut mit meiner Familie ausgekommen war, so freute ich mich, dass ich nächstes Jahr endlich ausziehen würde und mein eigenes Leben beginnen konnte. Das ich in Hamburg studieren würde, war mir schon länger klar, meinen Studienplatz hatte ich so gut wie sicher. Dass ich dann über 200 Kilometer von zu Hause weg sein würde, war zwar nicht schön, aber es gab für mich weit aus schlimmeres.  Ich erhoffte mir von diesem Umgebungswechsel den Start in ein neues Leben., endlich wieder richtig glücklich werden, endlich ganz neu anfangen. Außerdem war in einer Großstadt die Chance jemanden zu finden weit aus größer, als in der Kleinstadt in der wir lebten. Sicherlich die Beziehungen zu Sarah und Kim waren keine totalen Reinfälle gewesen, aber wirklich schön waren sie auch nicht. Mal einmal in jemanden verliebt zu sein, der diese Liebe auch erwiderte, das wünschte ich mir.  Ich war bisher immer davon ausgegangen, dass es seine Zeit dauerte, bis man sich in jemanden verliebt. Dieser Hollywood-Kitsch von wegen: „Liebe auf den ersten Blick“, war für mich immer nur Nonsense gewesen.

Seit zwei Tagen wusste ich es besser.

Das manchmal nur ein Abend oder sogar nur ein Moment von Nöten war, um einer Person zu verfallen. Nur leider konnte man auch genauso schnell alles kaputt machen, eine unüberlegte Aktion und man verspielte sich alles. Ich kramte mein Handy hervor und blätterte durch die Kontaktdaten. Ich langte bei dem Kontakt an, den ich gesucht hatte und öffnete ihn. Einen Moment starrte ich versonnen auf den Display. Dann drückte ich zwei Tasten und das Handy verlangte eine Bestätigung: „Kontakt Maike wirklich löschen?“. Ich wusste genau wann mich jemand ignorierte und es war mir ein deutliches Zeichen gewesen. Mein Fehler wurde sofort bestraft, so wie immer. Das Thema hatte sich innerhalb kürzester Zeit wieder erledigt, also zog ich die Konsequenzen daraus. Ich drückte die Taste „Löschen“ und ließ mein Handy wieder in meine Hosentasche gleiten. So etwas passierte mir viel zu häufig. Naja, in Selbstmitleid zu baden würde mir wohl auch nicht weiterhelfen, also konnte ein wenig Ablenkung nicht schaden, überlegte ich mir und konzentrierte mich wieder auf meine Eltern. Wir wanderten noch immer von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten und so würde es vermutlich noch den ganzen Tag laufen. Nach einiger Zeit wagte ich es dann meine Eltern aus ihrem Begeisterungsschwall für die reichhaltige Geschichte Roms zu unterbrechen und bat um eine Mittagspause. Also suchten wir uns ein kleines Restaurant, in dem wir uns niederließen. Nur eine Sache ließ mich die ganze Zeit nicht los. Ich versuchte mich angestrengt daran zu erinnern, wo ich die Seite schon einmal gesehen hatte, die Ben weggeklickt hatte, als ich ihn in dem Internetcafé überraschend begegnet war. Ich hatte sie schon einmal gesehen, nur wo und wann? Diese Frage ließ mich nicht los, denn ich hatte nicht erkennen können, worum es auf der Seite ging. Allerdings war mir diese Farbgebung noch genau in Erinnerung, ich war vor Jahren schon einmal auf dieser Seite gewesen. Es war lange her, doch ich war mir sicher, dass es die selbe Seite gewesen war. Worum ging es auf der Seite nochmal? Die Ankunft meines Essens ließ mich diese Frage jedoch für einige Zeit vergessen. Es würde mir schon wieder einfallen, doch jetzt wurde erst einmal gegessen.

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Italien, fünfter Teil

Mit etwas Verspätung diese Woche gibt es hier jetzt den fünften Teil aus meinem Nebenprojekt „Italien“.

Viel Spaß beim Lesen,

John

Allerdings sah am nächsten Morgen überhaupt nichts besser aus.

Im Gegenteil.

Meine Hand schmerzte höllisch und auch mein Kopf brummte, dank des ganzen Alkohols, den ich mir am letzten Abend einverleibt hatte. Hinzu kam, dass Eddy zehn Nachrichten auf meinem Handy hinterlassen hatte. Ich hatte ihn gestern einfach dort stehen gelassen. Ich hatte ihn in dem Moment einfach nicht sehen wollen und erst recht nicht erklären wollen, wie ich mir die Hand verletzt hatte.

Auch jetzt war ich nicht bereit ihm das zu erklären, allein die Vorstellung ihn zu sehen und mit ihm zu reden, bereitete mir Schmerzen.

Also würde ich mich erst einmal um meine körperlichen Schmerzen kümmern, bevor ich mich mit den seelischen befassen würde. Der Wohnwaggon war vollkommen ruhig, also vermutete ich, dass meine Eltern schon wieder unterwegs waren. In der Küche bestätigte sich mein Verdacht, als ich einen kleinen Zettel auf dem Küchentisch fand:

„Guten Morgen. Dein Vater und ich sind am Strand, wenn irgendetwas ist, oder du irgendetwas brauchst, ruf auf dem Handy an. Ansonsten weißt du ja wo alles steht. Die Schmerztabletten, die der Arzt uns mitgegeben hat, liegen hier auf dem Tisch. Er meinte du solltest morgens und abends eine nehmen. Bis später, alles Liebe Mama.“ Ohne zu zögern schnappte ich mir die Tabletten und nahm zwei davon, schliesslich definierte ich meine Schmerzen als sehr schlimm. Als ich gerade die Frühstückssachen heraus holte, klingelte mein Handy. Auf dem Display blinkte groß Eddys Name. Trotz meines schlechten Gewissens legte ich das Handy weg, ohne dran zu gehen. Bevor er noch weitere Male anrufen konnte, schaltete ich es aus und brachte es zurück in mein Zimmer. Ich brauchte Abstand, von ihm. Erst musste ich meine Gefühlswelt wieder in Ordnung bringen, bevor ich ihm erneut begegnen konnte.

Nachdem ich fertig war mit frühstücken und die Schmerzen dank der Tabletten endlich verblassten, zog ich mich in mein Zimmer zurück. Die Gardinen hatte ich zugezogen, in der Hoffnung, das Eddy nicht auf die Idee kam einfach rüber zu kommen. Noch immer beschäftigte mich eine fundamentale Frage: Konnte ich wirklich schwul sein?

Ich hatte doch lange Zeit eine einigermaßen glückliche Beziehung mit einem Mädchen geführt. Solange ich denken konnte, hatte ich noch nie ein besonderes Interesse an Jungs gezeigt. Hatte ihnen nicht hinterher geschaut oder ihre Körper bewundert. Allerdings musste ich mir eingestehen, dass mein Interesse an Mädchen eigentlich genauso gering gewesen war, bis ich meiner jetzigen Exfreundin begegnet war. Sie hatte etwas an sich gehabt, was mich in ihren Bann gezogen hatte, ähnlich wie es bei Eddy der Fall gewesen war. Unsere Beziehung war schön gewesen, doch irgendwie war ich nie wirklich glücklich gewesen, irgendetwas hatte immer gefehlt. Aber trotzdem, nur weil sie nicht das richtige Mädchen gewesen ist, hieß das doch noch nicht, dass ich schwul war oder?

Noch viel wichtiger war, was würden meine Eltern dazu sagen? Ich war ihr einziges Kind, von mir hingen die Nachkommen ab, da konnte ich sie unmöglich enttäuschen. Außerdem hab ich doch selber den Wunsch später mal eine Frau zu bekommen, Kinder zu zeugen und dann mit meiner Familie glücklich in einem Haus zu wohnen. Diese Vorstellung konnte ich getrost vergessen, wenn ich schwul war.

Eine ganze Zeit lang drehten sich meine Gedanken so im Kreis, immer wieder dachte ich über meine Gefühle zu Eddy nach, darüber was meine Eltern dazu sagen würden und stellte mir meine Zukunft vor. Je mehr ich über all das nachdachte, desto verwirrter wurde ich. Irgendwann stand für mich fest, dass ich mit jemandem Reden musste.

Doch mit wem? Mit meinen Eltern?

Wohl kaum, nicht das die mich noch rausschmissen. Eddy wollte ich nach wie vor nicht sehen, außerdem musste ich auch bei ihm Angst haben, dass er es nicht gut heißen würde. Von meinen Freunden konnte ich auch niemanden anrufen, wer wusste schon, was die dazu sagten. Nur eines war mir klar, ich brauchte einen Rat, von wem auch immer.

Unruhig und völlig verunsichert ging ich im Wohnwaggon auf und ab, der letzte Abend hatte mich in meinen Grundfesten erschüttert.

Mir war klar geworden, dass ich selber nicht einmal genau wusste, wer ich überhaupt war. Um mich ein wenig abzulenken schnappte ich mir eine Werbebroschüre des Campingplatzes und blätterte sie durch. Plötzlich blieben meine Augen an einer Anzeige hängen.

Natürlich!

Warum war ich da nicht eher drauf gekommen? Schnell schnappte ich mir mein Portemonnaie, meinen Schlüssel und verließ fluchtartig den Waggon. Endlich glaubte ich eine Möglichkeit gefunden zu haben, Antworten auf meine Fragen zu bekommen.

Schnell bewegte ich mich durch die Gassen des Campingplatzes, vorsichtig achtete ich darauf, Eddy nicht über den Weg zu laufen. Schließlich erreichte ich mein Ziel, es lag zwischen den Geschäften der Einkaufspassage. „Internetcafe“stand über dem Eingang. In der Broschüre des Campingplatzes hatte ich zufällig die Anzeige dieses Cafés gefunden und war auf die Idee gekommen, einfach mal im Internet nachzuschauen. Denn im großen world-wide-web würden sich hoffentlich Antworten auf meine Fragen finde. Es musste da draußen ja immerhin Jugendliche geben, die sich mit den gleichen Fragen und Problemen beschäftigten.

Eilig kaufte ich mir an der Kasse einen Chip, um einen der Computer eine Stunde lang nutzen zu können. Zu meiner Überraschung war der Rechner sogar erträglich schnell, sodass man nach einem Klick nicht erst eine halbe Stunde warten musste, bis man weiterarbeiten konnte. Allerdings erleichterte mir die verbundene Hand das Arbeiten mit dem Rechner nicht gerade.

Ich war mir sicher, dass ich  mit diesem Handicap etwas länger beschäftigt war und die Tatsache, dass mich durch die Fensterfront des Gebäudes jeder Passant sehen konnte, war nicht gerade beruhigend. Ich schaute mich noch einmal sicherheitshalber um, ob noch irgendein anderer Rechner frei war, aber es waren alle belegt. Mir blieb wohl nichts anderes übrig als mit dem Risiko zu leben, dass Eddy oder sonst irgendjemand vorbeikommen könnte und mich hier sehen könnte. Die Trennwände die links und rechts von den Bildschirmen angebracht waren, verhinderten, dass man sehen konnte, was der Nachbar gerade so machte. Ein erfreulicher Umstand, zumal ich nicht sicher war, ob man wirklich wissen wollte was sich diverse Gestalten in diesem Raum so anschauten.

Mit Hilfe von Google fand ich einige Seiten die sich mit dem Thema beschäftigten und trotzdem jugendfrei waren. Allerdings empfand ich die meisten Seiten als nicht wirklich aufschlussreich, bis ich schließlich ein Forum fand, das extra für schwule Jugendliche gemacht worden zu sein schien. Ich las mir zahlreiche Themen und Beiträge durch und stellte erleichtert fest, dass ich nicht der einzige mit diesen Problemen war. Eine noch viel größere Erleichterung war es für mich, festzustellen, dass die meisten der Jungs die dort über das Thema diskutierten völlig normal zu sein schienen. Bei fast keinem bekam man das Gefühl, dass er so eine exentrische, bunte Klischeeschwulette war, wie sie im Fernsehen immer  dargestellt wurden.

Während ich mir einen Beitrag nach dem nächsten durchlas, versank ich vollkommen in meiner eigenen Welt. Meine Gedanken folgten dem Takt des Klicken und Ratterns der anderen Computer. Alle 60 Minuten wurde ich einmal aus dieser Welt von Unsicherheit, Verwirrung und langsamer Erkenntnis gerissen, um die Gebühr für eine weitere Stunde zu zahlen. In der dritten Stunde wurde die Verwirrung dann endlich weniger und ich wurde mir langsam aber sicher bewusst, dass es völlig Ok war schwul zu sein. Auch wenn der Gedanke noch immer Unbehagen in mir auslöste, merkte ich, wie mein „inneres Coming Out“, wie es in dem Forum immer genannt wurde, langsam voran schritt. Nach einiger Zeit verließ ich meine eigene Welt abermals und begann wieder meine Umgebung  wahrzunehmen. Es war inzwischen deutlich leerer geworden, draußen setzte das abendliche Treiben ein, die Familien verließen den Strand und machten sich auf den Weg zurück zu ihren Campingwaggons. Als ich mich wieder meinen Computer zuwandte, streifte mein Blick den Eingang.

Mein Herz blieb fast stehen, als ich sah wer dort hinein kam.

Schnell machte ich mich daran alle Fenster zu schließen, niemand durfte wissen, was ich hier gerade nachgeschaut hatte. Doch schon nach zwei Schritten war die Person neben mir. „Hallo Ben.“, vernahm ich die vertraute Stimme, als ich gerade das letzte Fenster schloss…

Da stand er, ausgerechnet derjenige, den ich jetzt überhaupt nicht sehen wollte, Eddy. Sein Gesicht zierte diesmal nicht dieses sympathische Lächeln welches er sonst so oft zeigte, stattdessen bildeten sich Sorgenfalten auf der Haut. Nach einigem Zögern antwortete ich mit einem gekrächzten „Hi!“, meine Kehle war vor Angst, dass er gesehen habe könnte auf was für einer Website ich war, ganz zugeschnürt.

„Wie ist das denn passiert? Geht es dir gut?“, er zeigte auf meine verbundene Hand. Er schien sich ernsthaft Sorgen um mich zu machen. Ich beschloss erst einmal so zu tun, als sei der gestrige Abend nicht passiert, schließlich konnte er auch eigentlich nichts dafür.

„Ja, geht schon, nur eine kleine Schnittverletzung.“, ich war bemüht um einen möglichst gleichgültigen Ton

„Schnittverletzung? Wie hast du die denn bekommen?“

„Ach das war nichts, ich bin einfach falsch abgebogen, als ich auf Toilette wollte und bin draußen ausgerutscht und in einen Stapel Kartons gefallen, in dem Flaschen waren.“

„Autsch, das tat sicher weh.“, mitleidig sah er mich an. „Ist das der Grund, warum du gestern so schnell abgehauen bist?“, fragte er, ohne das ein Vorwurf in seiner Stimme lag.

„Ja. Ich bin danach nur noch schnell raus und hab meine Eltern angerufen. Die haben mich dann auch sofort ins Krankenhaus gebracht.“, erzählte ich. Die Tatsache, dass ich ihm mit Absicht nicht Bescheid gesagt hatte, verschwieg ich lieber. Mir war dieses Gespräch noch immer unangenehm, sodass ich am liebsten schnell weg wollte. Verbissen überlegte ich mir, wie ich am geschicktesten aus dieser Situation raus kam. Die Ausrede, dass ich schnell zurück müsse würde nicht fruchten, schließlich würde er mich dann ganz einfach begleiten. Also blieb mir nichts als die Flucht nach vorne. So konnte ich vielleicht noch herausfinden, was am gestrigen Abend sonst noch zwischen ihm und Maike gelaufen war. Jedoch war es nicht nötig noch länger hier zu bleiben. Ich hatte mir genügend Infos gesucht und ich hatte bessere Chancen von ihm los zu kommen, wenn wir erst einmal wieder zurück am Wohnwaggon waren.

„Hey, lass uns doch schonmal gehen, ich war hier sowieso gerade fertig.“ schlug ich vor.

„Aber gerne, ich war auch eigentlich gerade auf dem Weg zurück zum Waggon, als ich dich hier zufällig gesehen habe.“ Gemeinsam verließen wir das Internetcafé, als wir draußen in die frische Luft traten, fiel mir auf, was für ein Mief in dem kleinen Lokal geherrscht hatte. Befreit holte ich Luft und fasste neuen Mut für das, was ich jetzt eventuell noch herausfinden würde.

„Wie war es gestern eigentlich noch?“, fragte ich. Ich merkte, wie er einen Moment zögerte, bevor er antwortete, doch dann zuckte er mit den Schultern:

„Ging so, ich bin auch ziemlich schnell gefahren, nachdem du so plötzlich verschwunden warst. Allerdings war ich auch ziemlich betrunken, darum fehlen mir manche Teile des Abends muss ich gestehen.“ Neue Hoffnung keimte in mir auf. War seine Rumknutscherei vielleicht nur ein Produkt des übermäßigen Alkoholkonsums gewesen?

Eventuell konnte dieses Gespräch noch ganz aufschlussreich sein.

„Was weißt du denn noch?“, fragte ich ihn und sah ihn dabei interessiert an.

Er runzelte die Stirn als er nachdachte, dabei fiel mir auf, wie süß er aussah, wenn er das tat. Im ersten Moment überraschte mich dieser Gedanke selber, doch ich wehrte mich nicht dagegen. Bei all den Berichten die ich gelesen hatte war mir klar geworden, dass ich anfangen musste zu akzeptieren wer ich war und dazu gehörten auch solche Gedanken.

„Mhh also ich weiß noch wie wir angekommen sind und auch noch wie wir die erste Zeit mit Tanzen und Trinken verbracht haben, aber danach verblasst alles ein wenig. Ich weiß noch wie wir auf einmal mit diesen zwei Mädchen zusammen saßen.“ Er stockte ein wenig, erst sah es so aus, als ob er noch etwas sagen wollte, doch dann winkte er ab: „Das nächste woran ich mich dann erinnere ist, wie ich hier aus dem Taxi gestiegen bin und zurück zum Wohnwaggon getorkelt bin.“

Sein zögern hatte mich stutzig gemacht. Hatte er sich wirklich nicht an den Vorfall mit Maike erinnert oder verschwieg er ihn einfach nur? Einen Moment überlegte ich ob ich ihn drauf ansprechen sollte, aber da fiel mir ein, dass er ja gar nicht wissen konnte, dass ich sie so zusammen gesehen hatte. Erst jetzt bemerkte ich, dass er mich erwartungsvoll ansah.

„Entschuldige, hast du noch etwas gesagt?“, fragte ich.

„Bist du sicher, dass es dir gut geht? Du wirkst heute so abwesend.“ Stellte er fest.

„Ja, das muss an den Schmerztabletten liegen.“, log ich. „Also, was hattest du gefragt?“

Er sah mich noch einen Moment misstrauisch an, doch dann sagte er:
„Ich wollte nur wissen, ob ich irgendeinen wichtigen Part vergessen habe, oder ob meine Erinnerung an gestern Abend doch nicht so schlecht ist wie ich dachte.“

„Ich glaube du hast das wichtigste zusammen, ansonsten ist nichts gravierendes passiert. Allerdings kann ich dir natürlich nicht sagen was passiert ist als ich schon weg war. Ich weiß ja nicht, was du und Maike gestern noch so gemacht haben.“ erklärte ich. Einen Moment sah es so aus als fühle er sich bei irgendetwas ertappt, dann murmelte er etwas, dass ich nicht verstehen konnte.

„Bitte was?“, fragte ich nach.

„Ach ich meinte nur, dass hoffentlich nichts mehr zwischen Maike und mir passiert ist.“ Er zuckte mit den Schultern, „Vielleicht fällt es mir in den nächsten Tagen ja wieder ein. Wie sieht das mit deiner Hand aus, wann darfst du wieder ins Wasser?“, fragte er.

Diesmal zuckte ich mit den Schultern: „Ich weiß nicht, aber der Arzt meinte, dass das ziemlich schnell verheilt. Ich hoffe, dass ich so in drei oder vier Tagen wieder ins Wasser kann da mit.“

„Drei oder vier Tage?“, fragte er ungläubig. „Dann ist der Urlaub ja fast vorbei. Nein, wir finden schon eine Möglichkeit, wie du eher wieder durchstarten kannst.“, sagte er und zwinkerte mir zu.

Gefühle stiegen wieder in mir hoch. Verlangen, Verlangen nach ihm. Ich wollte ihm nahe sein und Zeit mit ihm verbringen, auch wenn ich wusste, dass ich ihm nicht so nahe sein konnte, wie ich es eigentlich wollte.

„Das wäre cool.“, erwiderte ich.

„Morgen bin ich allerdings den ganzen Tag mit meinen Eltern unterwegs, die machen einen Ausflug und wollen mich gerne dabei haben. Wenn du Lust hast kannst du ja mitkommen.“, bot er an.

„Besser nicht, ich will mich noch ein bisschen ausruhen. Außerdem sind meine Eltern auch ganz froh, wenn ich mal was mit denen mache.“ lehnte ich ab.

„Ok. Was hältst du davon, wenn wir Übermorgen wieder Surfen gehen? Die Einsteigerphase hast du ja jetzt überwunden, dann könntest du auch richtig loslegen.“

„Klingt gut, nur müssen wir erst eine Lösung dafür finden“, ich hielt die verbundene Hand in die Höhe.

„Wie gesagt, das machen wir schon. Ich hab da schon eine Idee“, sagte er. Wir hatten mittlerweile  unsere Wohnwaggons erreicht.

„Ach, falls du mal auf dein Handy schaust, denk dir nichts bei den guten 100 Anrufen und Nachrichten. Ich hatte mir nur so ein paar Gedanken um dich gemacht, als du verschwunden warst.“, sagte er mit einem verlegenen Lächeln.

Beschämt dachte ich an die unbeantworteten Anrufe auf meinem Handy.
„Oh ok, das liegt glaub ich immer noch neben dem Bett und lädt, dass hab ich vorhin vollkommen vergessen, als ich aufgestanden bin.“ log ich.

„Ja macht ja nichts. So ich muss rein, meine Eltern wollen jetzt gleich mit mir Essen gehen. Also machs gut, wir sehen uns spätestens Übermorgen.“ Er wollte zum Abschied einschlagen, aber als er sich an meine kaputte Hand erinnerte, umarmte er mich kurzerhand, kumpelhaft klopfte er mir auf den Rücken.

„Ciao.“, sagte ich, als er in seinem Waggon verschwand. Auch wenn es nur kurz gewesen war, hatte ich die Umarmung von ihm genossen. Mit einem unterdrückten Seufzen ging ich meinerseits in den Wohnwaggon.

Drinnen erwartete mich meine Mutter auch schon mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Na wo haben wir uns wieder herumgetrieben? Ich weiß ihr jungen Leute lebt im Zeitalter von Handys und Computern, aber wäre es dennoch zu viel verlangt gewesen einen kleinen Zettel da zu lassen?“ Ich merkte, das der Vorwurf nur halb ernst gemeint war.

„Tut mir leid, habe ich vergessen.“

„Genau so wie dein Handy!“, böse schaute sie mich an, doch dann wurde sie versöhnlicher. „Wir haben ja nichts dagegen, wenn du auf eigene Faust losziehst, aber könntest du uns wenigstens sagen wo du bist? Das wir uns nach gestern Abend noch mehr Sorgen machen ist doch wohl klar.“

Ausnahmsweise musste ich meiner Mutter mal Recht geben, es wäre wirklich besser gewesen einen Zettel da zu lassen.

„Entschuldigung, beim nächsten Mal denke ich dran.“, versicherte ich meiner Mutter. Interessiert schnupperte in Richtung Küche, wo einige Töpfe auf dem Herd standen, in denen das Abendessen köchelte.

„Was gibt es denn?“ fragte ich. Mein Vater, der mit der Beaufsichtigung des Essens beauftragt zu sein schien, antwortete:
„Wie es sich gehört wenn man in Italien ist, gibt es Spaghetti.“ Er grinste mich an, woraufhin ich losprustete.

Das Gesicht meines Vaters war rot wie die Schale eines Hummers.

Als ich mich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte, sah ich wie er beleidigt drein schaute.

„Mach dich nur lustig. Ich will mal wissen, wie du aussiehst, wenn du die Sonnencreme vergisst.“

„Naja, ruft mich wenn das Essen so weit ist, ich leg mich in der Zwischenzeit noch etwas hin.“, erklärte ich und ging in mein Zimmer.

Ich legte mich auf mein Bett und holte mein Handy hervor, auf dem immer noch die ganzen unbeantworteten Anrufe und Nachrichten von Eddy angezeigt wurden.

Schlagartig änderte sich meine Stimmung.

Ich musste daran denken wie besorgt er um mich gewesen war und wie wichtig es ihm war Zeit mit mir zu verbringen. Eine neue Sehnsucht nach ihm wurde in mir entfacht, meine Gedanken drehten sich anschließend nur noch um ihn.

Erst als meine Mutter hereinkam um mich zum Essen zu rufen, wurde ich kurz aus meinen Gedanken gerissen. Doch obwohl ich Hunger hatte, konnte ich mich nicht am Essen erfreuen und stocherte nur abwesend darin herum. Irgendwann reichte es meinem Vater:
„Das sind Nudel, die brauchst du nicht mehr erstechen.“, versuchte er lustig zu sein. Als er merkte, dass sein ohnehin billiger Witz nicht fruchtete fragte er: „Ist alles Ok? Du wirkst ziemlich niedergeschlagen heute.“

„Ne mir geht es gut, ich bin nur noch etwas kaputt von gestern. Meint ihr ich kann übermorgen mit Eddy surfen gehen?“

Kritisch runzelte mein Vater die Stirn.

„Meinst du denn, dass das schon wieder geht mit deiner Hand?“, fragte er.

„Joar ich denke schon, wenn die Schmerzen zu schlimm werden, nehme ich einfach noch welche von den Schmerztabletten.“

„Du kannst es ja versuchen und wenn du merkst es geht nicht mehr, lässt du es einfach. Hast du schon etwas für morgen geplant?“

„Nein, Eddy ist morgen mit seinen Eltern unterwegs und ich wollte lieber hierbleiben anstatt mit zu gehen.“, erklärte ich.

„Na gut, wir haben für morgen noch nichts weiter geplant, wir können ja sehen was wir machen, wenn dir kurzfristig noch was einfällt wo du Lust zu hast, dann sag das einfach.“

„Mache ich.“

Den Rest der Mahlzeit verbrachten wir damit, uns über die katastrophalen Zustände aufzuregen, welche in dem Krankenhaus geherrscht hatten, in dem wir letzte Nacht gewesen waren.

Froh endlich meine Ruhe zu haben sank ich auf mein Bett. Auch wenn es noch nicht sehr spät war, hatte ich keine Lust irgendetwas zu machen oder irgendwo hin zu gehen. Während meine Eltern die Bar aufsuchten, in der Eddy und ich am ersten Abend gewesen waren, blieb ich lieber hier und hing meinen Gedanken nach.

Sehnsucht machte sich in mir breit, ich vermisste Eddy. Ich vermisste sein Lächeln, diesen spitzbübischen Ausdruck in seinen Augen, wenn er wieder etwas ausheckte. Ich vermisste einfach seine ganze Art. Mir kam wieder der erste Abend in den Sinn, die Szene in der er so dicht vor mir gestanden hatte, nachdem er mir meinen Rücken abgetrocknet hatte. War das nicht schon der Moment gewesen, in dem ich mich in ihn verliebt hatte?

Ja.

Von diesem Moment an hatte ich in seinem Bann gestanden ohne es zu wissen. Bis gestern.

Doch schon da musste ich auf schmerzhafte Weise erfahren, dass er diese Gefühle wohl nicht erwiderte. Vor meinem geistigen Augen sah ich ihn mit dieser Maike rummachen. Wie es wohl war ihn zu küssen? Wie fühlte es sich überhaupt an einen anderen Jungen zu küssen? Es war komisch für mich, mich solchen Gedanken zu stellen. Ein Teil von mir versuchte immer noch mir einzureden, dass so etwas falsch war, aber in meinem Inneren spürte ich, dass es genau das war was ich wollte: einen Jungen küssen. Aber nicht irgendeinen Jungen, sondern Eddy.

Verzweiflung machte sich in mir breit, als mir wieder bewusst wurde, dass das vermutlich nie passieren würde. Ich erinnerte mich an die Berichte in dem Forum. Gab es irgendwelche Anzeichen, nach denen er schwul sein könnte? Fieberhaft und verzweifelt überlegte ich, aber schnell wurde mir klar, dass es nicht den geringsten Hinweis darauf gab, dass er sich zu Jungen hingezogen fühlte. Sein Techtelmächtel mit Maike war hingegen ein klares Signal gewesen, dass er auf Mädchen stand. Doch was stand nochmal in den meisten Berichten? Hinweise, Anzeichen und dies alles waren eigentlich vollkommen wertlos. Einige berichteten von Jungs die über Ewigkeiten hinweg Andeutungen gemacht hatten oder deren Verhalten ein Interesse erahnen ließ, aber als sie dann darauf angesprochen wurden vollkommen abweisend oder unwissend reagierten. Die nächsten erzählten von den typischen beliebten Kerlen, die seit je her der Frauenschwarm der Schule waren, welche auf einmal ihre wahren Gefühle gestanden. Es war also noch immer alles möglich, auch wenn die Hoffnung nicht groß war. Sollte ich ihn einfach mal darauf ansprechen? Ich versuchte mir auszumalen, wie er reagieren würde, wenn ich ihm sagte das ich mich in ihn verliebt hatte. Im ersten Szenario schaute er mich nur angewidert an, bevor mich unter wüsten Beleidigungen stehen ließ.

Im zweiten Szenario lächelte er mitleidig, als er mir erklärte, dass er leider nicht so fühle, dass er aber kein Problem damit habe und es nichts an unserer Freundschaft ändern würde.

Das dritte Szenario war für mich mehr eine Art Traumvorstellung, denn eine realistische Alternative. Allerdings war es eben diese Traumvorstellung, zu der ich die lebhaftesten Bilder im Kopf hatte. In dieser Utopie schaute er mich erst einen Moment überrascht an, bevor er dann begann mich leidenschaftlich zu küssen. Ich sponn diesen Gedanken weiter, dahin wie es wohl Aussehen würde, wenn wir eine Beziehung führen würden. Ich stellte mir vor, wie wir uns heimlich küssten, während wir mit unseren Eltern unterwegs waren, oder wie wir Händchenhaltend am Strand entlang spazierten. Obwohl sich diese Vorstellungen bei weitem am besten anfühlten, blieben es trotz allem die Fantasien eines Verliebten.

Es war klar, das, obwohl zwei der drei möglichen Ausgänge gut für mich waren, die Wahrscheinlichkeit für das erste Szenario noch am höchsten war. Ausgerechnet dieses war das Szenario, welches am schlimmsten für mich wäre. Ich wollte ihn nicht verlieren, nicht als Urlaubsbekanntschaft und vor allem nicht als Freund. Mir blieben also nur zwei Möglichkeiten, entweder ich sagte es ihm, mit dem Risiko ihn als Freund zu verlieren und der Chance ihn als Liebhaber zu gewinnen, oder ich behielt meine Gefühle für mich und sicherte damit die Freundschaft.

Ratlos was ich tun sollte, wälzte ich mich in meinem Bett hin und her. Niemals hätte ich mir vor diesem Urlaub träumen lassen, dass ich mich während dieser kurzen Zeit verlieben würde.

Immer wieder ging ich die verschiedenen Möglichkeiten durch, die mir blieben aber ich kam immer wieder zu dem selben Schluss.

Es wäre vermutlich das Beste, wenn ich meine Gefühle einfach für mich behielt und versuchte mich die restlichen Tage des Urlaubs mit seiner Freundschaft zufrieden zu geben.

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Italien, vierter Teil

Ohne groß drum herum zu reden, der vierte Teil aus meinem Nebenprojekt „Italien“, viel Spaß beim Lesen,

lieben Gruß

John

Am nächsten Morgen erzählten mir meine Eltern, dass sie vor hatten nach Venedig zu fahren und sich ein bisschen die Stadt anzugucken. Das Wetter hatte sich im Vergleich zum Vortag wesentlich verbessert, die Sonne schien und auch die Temperaturen waren angenehm.
„Kommen Eddy und seine Familie auch mit?“ fragte ich beim Frühstücken.
„Nein, seine Mutter sagte, dass sie dort schon so oft waren, dass sie nichts daran reizt, noch einmal hin zu fahren.“
„Mhh ok. Wann wollen wir los?“ Da Eddy sich immer noch nicht gemeldet hatte und ich nicht davon ausging, ihn heute zu sehen, hatte ich beschlossen mitzufahren. Es war allemal besser sich Venedig anzugucken, als den ganzen Tag alleine im Wohnwaggon zu hocken.
Überrascht schaute mich meine Mutter an:
„Du möchtest mit? Ich war davon ausgegangen, dass du wieder mit Eddy unterwegs bist heute.“
„Nee, heute eher nicht.“ Ich wollte ihr jetzt nicht auf die Nase binden, dass wir uns gezofft hatten. Vorallem nicht, weil ich Schuld daran gewesen war.
„Ok… wir hatten überlegt so gegen 11 Uhr hier weg zu fahren. Wie war es denn eigentlich in der Disco gestern? Du warst ja schon zu Hause, als wir kamen.“
„Ja, wir sind gar nicht mehr gegangen, hatten irgendwie keine Lust mehr.“
„Komisch, dabei klangt ihr Nachmittags noch ganz begeistert. Gab es irgendwelche Probleme?“
Mein Mutter schien zu wittern, dass da mehr im Busch war. Ich musste also überzeugend arbeiten.
„Ne, ne. Alles Ok, wir waren nur irgendwie kaputt. Lag wahrscheinlich daran, dass wir den ganzen Tag für euch Dolmetscher spielen mussten.“ Ich glaubte nicht, dass das sehr überzeugend war, aber meine Mutter ließ dennoch von mir ab.
Wie besprochen machten wir uns um 11 Uhr auf den Weg. Zuerst ging es mit dem Auto zu einem Ort an der Küste, ehe wir dann in einer Fähre nach Venedig übersetzten. Während meine Eltern voller Begeisterung, mit einem Stadtplan bewaffnet, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten  stürmten, trottete ich mehr oder weniger lustlos hinterher. Meine Kopfhörer erlaubten es mir, völlig  in meinen Gedanken zu versinken, ohne die Welt um mich herum wirklich wahr zu nehmen. Noch immer überlegte ich fieberhaft, wie ich die Sache mit Eddy wieder gerade biegen konnte. Vorrausgesetzt, er gab mir überhaupt eine Chance dazu.
Nur sehr schleppend verging der Tag. Ich war froh, als ich meine Eltern, nach dem Markusplatz, der  Seufzerbrücke, dem Dogenpalast und dem Campanile, endlich dazu überreden konnte, irgendwo  in Ruhe Mittagessen zu gehen.
Dankbar ließ ich mich in einen Gartenstuhl nieder, als wir um 20 Uhr endlich wieder zurück waren. Ich hatte das Gefühl jetzt über jede Sehenswürdigkeit in Venedig Bescheid zu wissen. Wir hatten wirklich alles gesehen und natürlich zu jeder Kleinigkeit die Touristenführung mitgemacht. Mehr denn je war mir nun klar, dass ich das mit Eddy wieder hinbiegen musste, denn noch so einen Tag mit meinen Eltern würde ich mit Sicherheit nicht überleben.
Allerdings  war das schwieriger als gedacht, denn selbst jetzt war der Waggon von ihm und seinen Eltern verlassen. Das Auto war ebenfalls weg. „Haben seine Eltern gesagt, was sie Heute machen wollen?“  fragte ich meine Mutter. Ich hatte einen Verdacht, wo ich Eddy finden könnte.
„Ich glaube die wollten nur zum Strand, warum fragst du?“
„Nur so. Ich nehme mal gerade das Auto, komme aber bald wieder.“  Ohne weitere Erklärung stieg ich ins Auto und fuhr los. Mir fiel nur ein Ort ein, wo Eddy sein konnte, aber ich wollte die Chance nutzen. Vielleicht hatte ich ja Glück. Erfreut stellte ich fest, dass mein Verdacht richtig war. Ich erkannte das Auto sofort, es stand genau an der gleichen Stelle, als wir es vorgestern abgestellt hatten, als Eddy mir die abgelegene Bucht gezeigt hatte. Ich parkte mein Auto direkt hinter Eddys und stieg aus. Er schien noch immer am Strand zu sein, obwohl es inzwischen schon ziemlich kühl war. Erst jetzt bemerkte ich meinen Fehler. Ich hatte kein Surfbrett, mit dem ich den Ast runterdrücken konnte. Also blieben mir nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich wartete hier, bis er zurück kam, oder ich versuchte, so durch die Hecke zu kommen. Ich entschied mich für letzteres, das Warten hatte ich gründlich satt. Nach einigem Suchen fand ich schließlich den Ast, vorsichtig drückte ich ihn hinunter und schob mich Zentimeter für Zentimeter durch die Hecke. Allerdings war diese Methode weitaus schmerzhafter, als gedacht. Dauernd blieb ich an den Dornen hängen. Nachdem ich es endlich auf die andere Seite geschafft hatte, besah ich meine Arme. Ich hatte zahlreiche kleine Schnittwunden, aber das war mir dann auch egal. Oben auf der Düne blieb ich stehen und schaute hinunter zum Strand. Dort saß Eddy, neben sich das Surfbrett, der Wind wehte durch seine Haare und spielte mit seinem T-Shirt.  Er schien das Meer zu beobachten und in Gedanken versunken zu sein, da er sich nicht rührte, als ich näher kam. Wortlos setzte ich mich neben ihn, in den noch immer warmen Sand.
„Wann immer ich nachdenken muss, komme ich hier her. Hier ist es immer friedlich und still, keine Menschen, nur das Meer und der Wind.“ Er sah mich nicht an, als er das sagte, sein Blick war nach wie vor auf das Wasser gerichtet. „Ich wünschte ich hätte so einen Ort auch zu Hause. Früher bin ich dort immer an einen kleinen See gegangen, da war es ebenfalls schön ruhig, aber in letzter Zeit will ich da nicht mehr hin.“ Erst jetzt guckte er mich an. „Es tut mir Leid, dass ich gestern so überreagiert habe, das war nicht nötig. Ich möchte nur einfach nicht über das Thema sprechen, zumindest vorerst. Vielleicht sage ich es dir im Laufe der nächsten Tage, aber momentan geht es dich einfach nichts an, Ok?“
Ich nickte und stimmte ihm zu. „Ich muss mich bei dir Entschuldigen, du hattest vollkommen recht, es stand mir nicht zu, weiter nachzufragen. Von jetzt an, werde ich nicht mehr fragen, du entscheidest, wann und ob du mit mir darüber reden möchtest.“
Mit einem Handschlag besiegelten wir das Thema, das Buch hatte ich schon wieder vollkommen vergessen.
„Was ist mit deinen Armen passiert?“ fragte er besorgt, als er die Schnittwunden sah.
„Ach, ich hatte ja kein Brett, um den Ast runter zu drücken, darum blieb mir nichts anderes übrig, als mich so durch die Hecke zu kämpfen.“
„Autsch, ich weiß wie das ist, ich habe den Weg durch die Hecke auch auf eine sehr unorthodoxe Art und Weise gefunden. Wie hast du den Tag verbracht?“
„Frag nicht.“ Winkte ich ab. „ Ich bin den ganzen Tag mit meinen Eltern durch Venedig gelaufen. Ich nehme an, du warst den ganzen Tag hier?“
„Ja, ich bin heute Morgen gleich hier raus gefahren und hab den ganzen Tag eigentlich nichts anderes gemacht als zu surfen oder hier zu sitzen und das Wasser zu beobachten. Was hältst du davon, wenn wir diesen Kulturschock in der Disco beheben?“
„Klingt gut, aber hat die heute überhaupt auf?“ fragte ich skeptisch.
„Ja, die hat während der Urlaubssaison jeden Abend auf. Na dann lass uns mal fahren. Ich muss noch duschen und eine Kleinigkeit essen.“ Er nahm sich das Surfbrett und machte sich auf den Weg zurück zum Auto. Froh, dass endlich alles wieder beim Alten war, folgte ich ihm.

„Hast du das Geld noch, das ich dir gestern gegeben habe?“ fragte mein Vater, als wir im Auto saßen. Er hatte sich bereit erklärt uns zur Disco zu fahren.
„Ja, habe ich noch. Willst du das, was wir nicht brauchen, nachher wiederhaben?“ fragte ich in der Hoffnung, dass er verneinen würde.
„Nein, gebt es ruhig aus.“ sagte mein Vater, mit einem freundlichen Lächeln.
Die Fahrt zu der Disco verlief fast reibungslos, allerdings verfuhren wir uns ein paar Mal, weil Eddy den Weg nicht mehr ganz genau wusste.
Um halb zwölf stiegen wir dann vor der Disco aus dem Auto, Eddy in einer kurzen Hose und einem  schwarzem Hemd, welches deutlich seinen muskulösen Oberkörper betonte. Ein seltsames Verlangen durchzog mich, als ich ihn so sah. Er hatte so eine anziehende Ausstrahlung, die ich vorher bei ihm noch nicht bemerkt hatte. Er wird wohl einiges aufreißen heute. Aber eigentlich wollte ich gar nicht, dass er sich irgendetwas aufriss. Mit einem Mal war ich nicht mehr so glücklich darüber, dass wir in eine Disco gingen. Was wenn er jemanden kennenlernte, mit dem er die restliche Zeit lieber verbringen will? Ich bemühte mich diese aufkeimende Eifersucht zu unterdrücken. Was sollte das denn? Sollte ich mich nicht eigentlich für ihn freuen, wenn er irgend ein hübsches Mädchen fand? Klar, sagte mein Verstand, aber mein Gefühl sagte mir etwas ganz anderes. Ich versuchte diese seltsamen Gedanken an die Seite zu scheuchen und über etwas anderes nachzudenken.
„Lass uns reingehen, ich kann es kaum erwarten, ein kühles Bier zu trinken.“  Ich drängte auf den Eingang zu, meine Hoffnung bestand darin, diese Gedanken mit Alkohol wegspülen zu können.
Die Disco war nicht all zu groß und bestand hauptsächlich aus einem Raum. In der Mitte des Raumes befand sich eine Tanzfläche, auf der sich schon einige hundert Jugendliche tummelten und zu den lauten Tönen aktueller Charthits tanzten. An einer Wand befand sich die Theke, 15 Mitarbeiter standen in dem langen Schlauch und bedienten die Gäste. An der Gegenüberliegenden Wand, welche links vom Eingang war, gab es eine kleine Empore, auf der zahlreiche Leder-sessel und -sofas standen. Rechts vom Eingang war das DJ-Pult, wo ein junger, braun-gebrannter, Mann auflegte. „Sieht doch ganz nett aus ,oder?“ Eddy brüllte mir beinahe ins Ohr, es war schwer, gegen die laute Musik anzukommen.
„Ja, wirklich gut, so schön sind die Discos, die ich gewohnt bin, nicht.“ antwortete ich, nicht weniger laut. Wir kämpften uns durch die Menge zur Theke und bestellten uns Bier.
Schon nach dem zweiten Bier mischten wir uns unter die Menge der tanzenden Jugendlichen, die laute Musik und die ausgelassene Atmosphäre übten große Anziehungskraft auf uns aus. Bunte Lichter blitzten, Nebelmaschinen machten aus der Menge einen wabernden Dunst, selbst die Bierduschen die sich von Zeit zu Zeit über uns ergossen, fühlten sich angenehm an.  Ich wusste nicht wie lange wir schon am Tanzen waren, aber irgendwann gingen wir zurück zur Theke, Schweiß stand uns auf der Stirn, es wurde nicht kühler in der Disco.
„Zwei Bier und zwei Jägermeister bitte!“ rief ich einem der Barkeeper zu. Ich wunderte mich nicht einmal mehr darüber, dass er mich ohne Probleme verstand, es kam mir einfach so vor, als wären wir in einer Deutschen Provinz und nicht im Ausland.
„Jetzt willst du es aber wissen.“ sagte Eddy und deutete auf den Jägermeister.
„Prost!“ Ich nickte ihm zu und wir kippten die dunkle Flüssigkeit runter.
Natürlich reichte ein Schnaps nicht und so bestellten wir einen nach dem nächsten, bis wir schließlich beide ziemlich gut dabei waren. Allerdings stieg mit dem Alkoholpegel auch immer weiter mein Verlangen nach ihm. Noch immer war das für mich vollkommen verwirrend. Ich konnte  nicht schwul sein! Schließlich hatte ich noch bis vor kurzem eine Freundin gehabt, mit der ich 6 Monate glücklich zusammen gewesen war! Ich versuchte mich mit diesen Gedanken zu beruhigen, aber das rätselhafte Verlangen wollte nicht verschwinden. Nach einer weiteren Tanzeinlage kehrten wir wieder an die Theke zurück.
„Was hältst du davon, wenn wir dort hinüber zu den Sitzplätzen gehen?“ fragte Eddy mich und lenkte meinen Blick auf die Gegenüberliegende Seite, wo die Ledergarnituren standen.
„Ja, ein Moment Pause wäre klasse.“ Mit unserem Bier bewaffnet gingen wir zu der Empore und suchten uns eine freie Ecke. Nur noch eine Ecke war frei, wir ließen uns in dem Sofa nieder und stellten unser Bier auf dem kleinen Tisch ab, der davor stand. Gegenüber von uns war noch ein weiteres freies Sofa, welches in diesem Moment von zwei gutaussehenden Mädchen angesteuert wurde.
„Guck mal was da kommt.“ Sagte Eddy und deutete unauffällig auf die Mädchen. Mit einem Lächeln, dass wohl in der Lage war Männerherzen schmelzen zu lassen, lächelte uns die eine an und fragte: „Ist hier noch frei?“ Die beiden Mädchen bildeten zwei Gegensätze, während die eine sehr selbstbewusst wirkte und anscheinend genau um ihr Wirken auf Männer wusste, wirkte die andere schüchtern und zurückhaltend, obwohl sie keineswegs weniger hübsch als ihre Begleiterin war.
„Aber natürlich, für zwei so hübsche Mädchen sowieso.“ hörte ich Eddy antworten. Einen Moment war ich perplex, ich hatte nicht damit gerechnet, so etwas aus seinem Mund zu hören.
„Vielen Dank für das Kompliment. Ich heiße Maike und meine etwas schüchterne Begleitung heißt Lea.“ Sie warf Eddy einen interessierten Blick zu, als sie sich in das Sofa niederließen.
„Ich bin Eddy.“
„Ich heiße Ben, schön eure Bekanntschaft zu machen.“ Vielleicht war es ganz gut mit einem Mädchen zu tun zu haben, beschloss ich für mich. Seit meine Freundin vor einigen Wochen mit mir Schluss gemacht hatte, hatte ich mich noch nicht wieder für ein Mädchen interessiert. Da kam mir die Idee. Was wenn dieses Verlangen nach Eddy nur daher kam? Ich war einsam, meine Freundin hatte mich verlassen, keiner meiner Freunde war hier und er war die einzige gleichaltrige Person, die in der Nähe war. Triumphierend lächelte ich, ich war mir jetzt sicher den Grund für das komische Gefühl gefunden zu haben, dummerweise ging es dadurch nicht weg. Ich war entschlossen, das Gefühl zu ignorieren und mir selber zu beweisen, dass ich noch immer auf Mädchen stand.
„Wie lange seit ihr schon hier?“ fragte ich, meine Augen auf Lea gerichtet, die Verteilung der Interessen war vom ersten Moment an klar gewesen.
„Eine Woche, wohnt ihr auch auf dem Campingplatz in San Silanes?“ immerhin, sie antwortet.
„Nee, wir wohnen in Cavallino. Gefällt es euch hier bisher?“ so starteten wir das Gespräch, auch Eddy und Maike waren in ein Gespräch vertieft, allerdings schienen sie viel intensiver miteinander zu flirten, als Lea und ich das taten. Eine neue Eifersucht überkam mich, aber richtete sie sich gegen Eddys Fähigkeiten im Umgang mit dem Mädchen oder gegen Maike?
Auf einmal schreckte Eddy hoch: „Wie unhöflich von uns, ihr habt ja noch gar nichts zu Trinken. Was darf ich euch denn bringen?“
„Für mich einen Sex on the beach bitte“ antwortete Maike, die Doppeldeutigkeit in ihrer Stimme war unüberhörbar. Ich verdrehte die Augen, das fand selbst ich zu peinlich.
„Ich nehme einen einen Caipirinha“ sagte Lea, ich war dankbar, dass sie auf so eine Peinlichkeit verzichtete.
Als nächstes schaute Eddy mich an, aber ich winkte nur ab und stand auf.
„Ich helfe dir, mit vier Cocktails wird es etwas schwierig oder?“ In Wirklichkeit wollte ich einfach einen Moment  meine Ruhe. Wir kämpften uns hinüber zur Theke, es war noch immer ziemlich voll, ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon 3 Uhr war.
„Wie läuft es mit Lea?“ fragte er mich.
„Ganz gut, sie ist nur sehr schüchtern. Und mit Maike?“ In Wirklichkeit hatte ich überhaupt kein Interesse an Lea und insgeheim verfluchte ich das Auftauchen der beiden Mädchen inzwischen.
„Naja, sie ist ziemlich aufdringlich.“ überrascht schaute ich ihn an, für mich hatte es eher so gewirkt, als würde ihm das gefallen. „Ach, sie macht dauernd so anzügliche Bemerkungen, das nervt etwas, aber ansonsten ist sie ganz Ok. Hier“ er schob mir einen Schnaps hin, den er anscheinend mitbestellt hatte. Ich nickte ihm zu und gleichzeitig tranken wir.
„Wenn ich so weiter trinke, kannst du mich hier nachher raustragen. Ich hab eigentlich jetzt schon viel zu viel.“ sagte er noch mit einem Lächeln, als wir wieder zurück gingen.
Zurück bei der Couchecke erwartete Maike uns mit der nächsten Überraschung. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt, auf dem eben noch Eddy und ich saßen, es war klar, dass ich mich jetzt zu Lea setzen sollte. Widerstrebend tat ich das. In der Folge unterhielten Lea und ich uns weiter über Belanglosigkeiten. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Maike sich immer intensiver an Eddy ran machte, nach nicht all zu langer Zeit lag ihre Hand auf seinem Oberschenkel. Überrascht stellte ich fest, dass Eddy nicht sehr glücklich mit der Situation zu seien schien. Immer wieder zog er an seinem Cocktail, als benötige er den Alkohol, um mit ihren Annäherungsversuchen zurecht zu kommen. „Entschuldige mich mal kurz.“ bat ich Lea und machte mich auf den Weg in die Richtung, wo ich die Toiletten vermutete. Ich sah ein Toilettenschild, welches über einem dunklen Gang hing. Ich folgte dem Gang, bis er schließlich vor einer Tür endete. Zu meiner Rechten und meiner Linken  befanden sich ebenfalls Türen. Auf der Tür zu meiner Rechten befand sich das Schild für die Damentoilette, ohne noch einmal nachzuschauen, ging ich durch die Tür, die direkt vor mir war. Verwundert schaute ich mich um, als ich mich plötzlich draußen befand. Bei der Tür schien es sich um einen Notausgang zu handeln, jedenfalls führte  sie in eine Art Hinterhof, der vollgepackt mit Kartons war. Mit einem Achselzucken drehte ich mich um und nahm diesmal die Tür, die zur Herrentoilette führte.
Einige Minuten später ging ich dann zurück, zu Eddy und den beiden Mädchen. Insgeheim hoffte ich, dass der Abend bald ein Ende nehmen würde. Die Art und Weise, wie Maike Eddy anfasste, passte mir gar nicht. Eigentlich sollte ich mich für ihn freuen. Nur konnte ich das nicht, ich war eifersüchtig, soviel gestand ich mir mittlerweile ein. Als ich die Treppe zur Empore hoch ging, erstarrte ich plötzlich. Ich konnte genau auf unsere Sitzecke  sehen, aber was ich sah schockte mich regelrecht. Maike saß auf Eddy und die beiden küssten sich innig. Wut und Enttäuschung stiegen in mir hoch. Ich machte auf dem Absatz kehrt, ich brauchte sofort frische Luft. Meine Gedanken drehten sich, als ich auf dem Weg zu dem Hinterhof war. Ihn so zu sehen machte mich vollkommen fertig. Endlich  draußen angekommen, entfuhr mir ein lauter Wutschrei. Als ich Eddy und Maike gesehen hatte, war mir etwas klar geworden, was ich nicht für möglich gehalten hatte.
Ich war in ihn verliebt.
Je mehr ich daran dachte, desto mehr Wut überkam mich. Blindlings schlug ich in einen der Kartons, die hier rumstanden. Glas klirrte und ein weiterer Schrei entfuhr meiner Kehle. Diesmal war es ein schmerzensschrei.
Vorsichtig zog ich die Hand aus dem Karton, sie war blutüberströmt. Zahlreiche Glassplitter steckten in der Haut.

„Gute Nacht. Wenn du irgendetwas brauchst, ruf einfach.“, sagte meine Mutter. Mit einem aufmunternden Lächeln ließ sie mich in meinem Zimmer allein. Stöhnend sank ich auf mein Bett, in Gedanken durchlief ich noch einmal den Abend.
Eigentlich hatte alles so gut angefangen, doch mit dem Auftauchen der beiden Mädels war schließlich alles vorbei gewesen. Die Erkenntnis mich in Eddy verliebt zu haben, bereitete mir noch mehr Sorgen, als die blutende Hand, mit welcher ich nur ein paar Minuten nach dem Wutausbruch ins Krankenhaus gebracht worden war. Selbst als ich mit meinen völlig überbesorgten Eltern im Wartezimmer der Notaufnahme saß, die notdürftig verbundene Hand in die Höhe gereckt, konnte ich nur an ihn denken. Nur ihre andauernden Fragen, wie denn das passiert sei, rissen mich immer wieder aus meinen Gedanken. Trotz meiner Beteuerungen, dass ich einfach nur in diese Kartons gefallen sei, welche, nebenbei bemerkt, nicht einmal für mich selbst glaubhaft klangen, ließen sie nicht locker und vermuteten die wildesten Schlägereien als Grund für meine Verletzung. Als ich nach ungefähr zwei Stunden endlich dran kam, gab es endlich mal eine gute Nachricht. Nachdem mir der Arzt sämtliche Scherben aus der Hand gezogen hatte, meinte er, dass ich noch einmal Glück gehabt hätte und er nicht einmal nähen müsse. Er entließ mich mit der Aussicht, dass die Wunden schon in wenigen Tagen wieder soweit zugeheilt seien, dass ich wieder ins Wasser könne. Doch ich war mir nicht einmal sicher, ob ich das noch wollte. Am liebsten wäre ich auf der Stelle nach Hause gefahren, hätte versucht diesen ganzen Urlaub zu vergessen und vor allem meine Gefühle für Eddy wieder abzuschütteln, bevor sie noch schlimmere Ausmaße an nahmen.
Natürlich ging das nicht. Meine Eltern würden niemals wegen dieser kleinen Verletzung den Urlaub abbrechen und ich wäre nicht in der Lage, ihnen den wahren Grund zu sagen.
Darum saß ich nun hier auf meinem Bett und versuchte endgültig mit diesem verkorksten Tag abzuschließen, denn wie sagt man so schön: „Morgen früh sieht die Welt schon ganz anders aus.“
Diese leere Versprechung die man kleinen Kindern immer gab, war mein einziger Lichtblick die restlichen Tage des Urlaubs noch zu überstehen. Mit dieser schwachen Hoffnung schlief ich schließlich ein.

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